Schön, Frau Merkel, America first. Und was ist mit Deutschland?

Ob Angela Merkel mein letztes Buch gelesen hat? Ich weiß es nicht. Aber so viel steht fest: Wer „Zu viel Schule“ in seinem Bücherregal hat, findet im Kapitel „Früher Einstieg ins Berufsleben“ den Hinweis, dass Barack Obama 2015 in einer Ansprache zur Lage der Nation die deutsche duale Berufsausbildung wegen ihrer großen Praxisnähe gepriesen hat.

Johanna Wanka, unsere Bundesbildungsministerin, hat mein Buch im Regal. Ich habe es ihr im Dezember auf ihre Bitte hin zugeschickt. Vielleicht hat sie der Kanzlerin kürzlich davon erzählt – von Obamas Rede und der Tatsache, dass es in den USA keine Berufsausbildung gibt. Denn am kommenden Dienstag, so wird heute in der FAS berichtet, will Frau Merkel Herrn Trump den besonderen Wert deutscher Gesellenbriefe und IHK-Abschlüsse erläutern.

Prima. Aber was ist mit Deutschland? Wann erklärt die Kanzlerin endlich den Eltern unserer 11 Millionen Schülerinnen und Schüler, wie wertvoll ein solcher Berufsabschluss ist? Und wie meschugge, dass schon I-Dötzchen auf Abitur uns Studium getrimmt werden? Vor einigen Tagen sah ich mir die Sendung „Markt“ auf WDR3 an, Thema: Abiturwahn. Eltern von schulpflichtigen Kindern, die treuherzig in die Kamera blickten und meinten: Ohne Abitur hat mein Kind doch keine Chance. Und dann Frau Löhrmann, die NRW-Schulministerin: Jedes Kind hat bei uns die Möglichkeit … blabla.

Ich muss gestehen, ich kann das alles nicht mehr hören. Es ödet mich an. Ein Irrweg – die 16spurige Autobahn zum Abitur – wird nicht dadurch zum Königsweg, dass man den jungen Leuten immer wieder predigt, dieser Weg sei „alternativlos“. Für Katholiken: der allein seligmachende.

Aber was Frau Löhrmann und all die anderen Hohepriester des „Abi für alle“ können, kann ich auch. Ab sofort werde ich gebetsmühlenartig bei jeder sich bietenden Gelegenheit mein neues Bildungs-Mantra wiederholen:

Zulassung zum Studium nur mit Abitur/Fachabitur
und (!) dualer Berufsausbildung.

Durch diese eine Maßnahme könnten wir endlich dem Abiturwahn den Stecker rausziehen. Den Spieß umdrehen! Unsere Handwerks-, Handels- und Industriebetriebe müssten nicht händeringend nach motivierten, fähigen Bewerbern für ihre Azubi-Stellen suchen – die Mädels und Jungs würden ihnen die Bude einrennen. Vor allem die, die ein Studium anstreben. Und unsere Studienanfänger wären ab sofort keine verwöhnten „alten Kinder“ mehr, sondern junge Erwachsene, die nicht gleich ihr Studium abbrechen, wenn nicht alles nach Wunsch läuft.

Frau Wanka, das habe ich bereits in „Zu viel Schule“ erwähnt, ist eine kluge, besonnene Frau mit vernünftigen Ideen. Zusammen mit Andrea Nahles, mit Handwerkskammern und IHKs plant und realisiert sie seit Jahren interessante Bildungsprojekte in Richtung: Gleichwertigkeit von Berufs- und Schulbildung. Aber die Macht in puncto Schule liegt nicht bei Johanna Wanka, sondern bei den 16 Landesregierungen. Das sagt das Grundgesetz. Noch.

Schade. Arme Joanna Lackland, Johanna Ohneland.

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Erst Azubi, dann zur Uni – Königsweg auch für künftige Ärzte

Statt Numerus Clausus und Männerquote (!):
Krankenpflege-Ausbildung vor dem Medizinstudium.

 

Die Frankfurter Allgemeine bringt heute einen Gastbeitrag von Jürgen Freyschmidt. Überschrift: „Wir brauchen eine Männerquote für Ärzte“.

Jedem, der hier Sexismus wittert, rate ich, sorgfältig den FAZ-Artikel zu lesen. Denn erstens ist der Autor vom Fach: Radiologe, ehemaliger Professor und Chefarzt. Zweitens macht er seine provozierenden Vorschläge, weil es tatsächlich großen Leidensdruck bei den Medizinern gibt. Ich zitiere:

Etwa 65 Prozent aller zum Medizinstudium Zugelassenen sind Frauen. Davon brechen viele das Studium ab oder üben nach erfolgreichem Staatsexamen ihren Beruf nicht aus …

Weiter heißt es:

Für die Feminisierung des Medizinstudiums gibt es eine ganz einfache Erklärung: 70 Prozent der Frauen haben eine bessere Abiturnote als Männer. Doch bedeutet eine Durchschnittsabiturnote um 1 nun, dass der Kandidat oder die Kandidatin geeigneter für den ärztlichen Beruf ist als Kandidaten mit einer Durchschnittsnote von 2 oder mehr?

Damit sind wir schlagartig wieder beim Thema Abiturwahn. Aus meiner Sicht ist weder der Numerus Clausus noch eine Männerquote der richtige Weg. Zwei gute Lösungsansätze werden in dem FAZ-Artikel erwähnt: Eignungstests für den Arztberuf sowie „ein Krankenpflegepraktikum von bis zu acht Monaten“.

Aber warum machen wir nicht Nägel mit Köpfen? Nämlich:

Zulassung zum Medizinstudium nur mit Abitur plus
abgeschlossener Krankenpflege-Ausbildung.

Das Universitätsstudium für Mediziner könnte man dann entsprechend straffen, weil jeder Studienanfänger schon solide medizinische Vorkenntnisse mitbrächte. Und am Ende gäbe es vermutlich mehr qualifizierte Ärztinnen und Ärzte und weniger Studien- bzw. Berufs-Abbrecher.

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Kommentar zu: Du, glückliches Finnland …

Die Kommentarfunktion auf dieser Blog-Seite funktioniert zur Zeit offensichtlich nicht; der Fehler wird so bald wie möglich behoben, ich bitte um Nachsicht.

Den folgenden Kommentar, den ich per E-Mail erhielt, veröffentliche ich deshalb auf diesem Wege.

 

Hallo Herr Scheurer,

Sie haben schon geahnt, dass es auf diesen Post einen Kommentar geben wird, wie ich den vorbeugenden Formulierungen entnehme :-).

Ich habe keine Kenntnisse über das finnische Schulsystem aus eigener Anschauung, sondern nur aus Berichten, Reportagen, Filmen usw. M.E. ist die Frage, wie man den Erfolg eines Schulsystems misst.

Das finnische Schulwunder-Land gewinnt jedenfalls – das ist unbestritten – viele internationale Schul-Vergleichstests, insbesondere PISA (wobei sie zuletzt doch ziemlich abrutschten und die asiatischen Drill-Schulen aufsteigen).

Was weiß man über Finnland und seine Jugendlichen sonst noch? Eine ganze Menge, da viele OECD-Vergleichsdaten vorliegen. Und die besagen, dass finnische Jugendliche

– sich vergleichsweise schlecht ernähren,
– überdurchschnittlich viel rauchen und Alkohol konsumieren,
– eine hohe Selbstmordrate aufweisen,
– eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit haben,
– zu über 95 % Abitur machen, wovon aber noch nicht einmal die Hälfte einen Hochschulabschluss erreicht.

Die Frage ist also, woran misst man den Erfolg eines Schulsystems?

Erschwerend kommt für mich hinzu, dass seit mit dem Niedergang von NOKIA keine international bekannte finnische Firma mehr existiert. Und das bei diesen Top-Schulabsolventen.  Außerdem, so heißt es, hat Finnland anders als Deutschland kaum Migranten, die das dt. Schulsystem natürlich einen erheblichen Stresstest unterziehen, der seinesgleichen sucht.

Mit besten Grüßen aus Bayern

Alois

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Er ist wieder da – der Genosse Trend.

Totgesagte leben länger. Zumindest in den Köpfen der Menschen. Timur Vermes hat aus dieser Erfahrungstatsache eine beängstigend-makabre Fiktion entwickelt: In seinem Roman „Er ist wieder da“ lässt er Adolf Hitler im Jahr 2011 in Berlin wiederauferstehen. Überraschend war für mich nicht zuletzt der Erfolg des Buchs in Israel.

Überraschend, wenn nicht beängstigend ist zur Zeit für CDU/CSU, AfD und einige andere die Performance von „Sankt Martin“ Schulz. Die aktuellen Umfragewerte sind phänomenal. Und – wen wundert’s noch? – nicht einer von hundert promovierten Politologen und Demoskopen hat diese Entwicklung vorausgesagt. „Von Wechselstimmung kann keine Rede sein“, hieß es noch vor kurzem. Oder: „Der kurzfristige Aufwärtstrend wird nicht lange anhalten“.

Auf Wikipedia findet man unter „Genosse Trend“ interessante Zahlen aus den Sechzigerjahren. Der entscheidende Satz lautet: „Das Phänomen endete in den 1970er Jahren“. Ein Wort fehlt in dem Satz: vorerst. Denn jetzt ist er plötzlich wieder da, der alte Herr. Und bringt Stimmung in die Bude der deutschen Parteienlandschaft, die bis vor kurzem noch ziemlich starr wirkte.

Nur eins ist kurzweiliger als Sensations-Statistiken: Die Menschen, die sie erstellen, interpretieren, verniedlichen oder dramatisieren, je nach Bedarf.

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Du, glückliches Finnland, machst es besser …

… mit deinem Schulsystem. Weiterschlafen mögen andere.

 

Ja, die Finnen machen es besser. Das ist durch zahlreiche Forschungsstudien belegt. Sie haben nicht – wie böse Schlafmützen-Zungen behaupten – nur dieses Image. Sie haben ein weitaus besseres Schulsystem als wir.

Heute ist zu diesem Thema ein neuer SPIEGEL-Artikel erschienen. Titel: „Am deutschen Schulsystem verzweifelt. Letzter Ausweg Finnland“. Kristin Haug berichtet darin über den zehnjährigen Sohn finnisch-deutscher Eltern, der an mehreren deutschen Schulen scheitert, weil er als hochsensibles Kind das Chaos, die Lautstärke und den Schlendrian in deutschen Klassenzimmern nicht ertragen kann. Er ist anders als die „normalen“ Kinder, deshalb wird er gehänselt. Irgendwann schlägt man ihm einen Zahn aus dem Mund. Und die Lehrerin ist „völlig überfordert“.

In ihrer Verzweiflung entschließen sich die Eltern, den Jungen in einer finnischen Schule anzumelden, obwohl die Familie nach wie vor in Deutschland lebt und in Finnland nur ein Ferienhaus besitzt.

Interessant ist unter anderem die folgende Passage in dem Artikel von Frau Haug:

Es ist schwierig herauszufinden, wie die betroffenen Schulen die Sache sehen. Die Eltern wollen nicht, dass dort jemand nachfragt, weil sie Konsequenzen fürchten.

Genau das erlebe ich seit Erscheinen meines Buchs „Zu viel Schule“, in dem ich die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem finnischen Schulsystem gründlich durchleuchtet habe. Die Schotten werden dicht gemacht, bei Lehrern, Schulleitern und Eltern – sobald jemand das System in Frage stellt.

Vielleicht lesen Sie selbst einmal den kompletten Artikel und bilden sich dann Ihr Urteil.

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Ein Bundeskanzler ohne Abitur – warum eigentlich nicht?

Eine Frau als deutsche Kanzlerin wäre vor fünfzig Jahren undenkbar gewesen – für die meisten Bürger und Bürgerinnen (!) der damaligen Bundesrepublik. Nun steht seit vielen Jahren eine Frau an der Spitze unserer Regierung, und selbst für ihre Gegner ist das kein Thema mehr.

Seit gestern ist Martin Schulz in die Schlagzeilen gerutscht, nachdem er zum Kanzlerkandidaten der SPD ausgerufen wurde. Ein Mann, der nie das deutsche Abitur gemacht hat, wird womöglich Kanzler. Undenkbar!?

Wohlgemerkt, mir geht es hier nicht um die Frage: Union oder SPD, Frau oder Mann, große Koalition oder nicht? Sondern schlicht darum: Wann hört in Deutschland endlich der Abiturwahn auf? Der lächerliche Standesdünkel von Leuten, die außer einem sogenannten Reifezeugnis nicht viel zu bieten haben. Das eingebildete Getue und Gerede von Menschen, die sich für gebildet halten und auf jeden herabblicken, der dieses völlig überschätzte Zeugnis nicht erworben hat.

In einem Punkt bin ich mir sicher: Herr Trump wird sich ebenso wenig wie Herr Putin bei seinen Verhandlungen für akademische Grade und Titel interessieren. Geschweige denn für einen deutschen Schulabschluss, den mittlerweile auch Semi-Analphabeten schaffen – das Abi to go.

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Donald ante portas. Apokalypse Now?

Fast zwei Jahre ist es jetzt her, dass ich mich als Apokalyptiker geoutet habe. Im Februar 2015 schrieb ich zwei Weltuntergangs-Artikel innerhalb von drei Tagen. Es geht weiter. Aber, wie gesagt, nicht mehr allzu lange.

***

Erste Szene: Zwei Eisbären sitzen auf einer Eisscholle. Sie trinken Wasser on the Rocks. Sagt der eine: „Was meinst du, wie lange wird es noch Menschen geben auf der Erde?“ Darauf der andere: „Ich bleibe Optimist. Der Mensch, diese Ratte, wird das 21. Jahrhundert nicht überleben. Hat Martin Rees schon vor über zehn Jahren gesagt – eine gute Nachricht für alle Eisbären“. „Na ja“, sagt der andere, „es kommt darauf an, wie die Ratte sich verabschieden wird. Nach einer Verbrannte-Erde-Nummer wird’s ungemütlich für uns“.

Zweite Szene: Ein Klimaforscher und ein Bioinformatiker sitzen im Trump Tower. Sie trinken Trumpagner. Sagt der Klimaexperte: „Was meinst du, wie lange wird es noch Eisbären geben auf unserem (!) Planeten?“ Darauf der andere: „Also, der Roboter, den wir gerade entwickelt haben, sieht einem Eisbären schon zum Verwechseln ähnlich. Er kann stundenlang auf einer heißen Herdplatte tanzen, nur Fische will er nicht fressen“.

Dritte Szene: Weißes Haus, Oval Office. Trump und Putin trinken zusammen Wodka. Auf dem kleinen Tisch vor ihnen liegt ein geöffneter Koffer mit einer schwarzen Metallbox. Trump: „Was meinst du, wie lange wird es noch Chinesen geben auf der Erde?“ Darauf Putin: „Seit wann interessierst du dich für Minderheiten?“ Beide lachen. „Nein, jetzt mal im Ernst, Vladimir. Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“

***

In wenigen Tagen wird der Präsident der Vereinigten Staaten Donald heißen. Das ist keine Ente. Echt jetzt. Real Donald, nicht Donald Duck.

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Rückmeldung der Bundesbildungsministerin zu meinem offenen Brief vom 6.11.2016

Am 6. November habe ich einen offenen Brief an Frau Professor Wanka und Herrn Wollseifer, den Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, geschrieben. Auslöser war ein Artikel des Kölner Stadt-Anzeigers über eine Veranstaltung der Kölner Handwerkskammer, bei der Frau Wanka und Herr Wollseifer sich zu bildungspolitischen Themen geäußert hatten.

In meinem Brief schrieb ich, die Ministerin habe hierbei die zunehmende Akademisierung in Deutschland begrüßt. Dies aber hat sie so nicht gesagt, wie sie selbst mir am 21. Dezember telefonisch mitgeteilt hat.

Sie hat klargestellt, dass sie sich – ganz im Gegensatz zu der Formulierung im besagten Zeitungsartikel – seit vielen Jahren tatkräftig dafür einsetzt, dass die berufliche Bildung eine ebenso große Wertschätzung erfährt wie die akademische. Diese Klarstellung freut mich um so mehr, als ich – wie bereits in meinem offenen Brief erwähnt – in „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“ aus einem Interview mit Johanna Wanka zitiert habe (S. 212-213), in welchem genau diese Zielrichtung deutlich wird.

Wie schon Herr Wollseifer in seinem Antwortschreiben hat auch Frau Professor Wanka mich gebeten, ihr ein Exemplar meines neuen Buchs zu schicken – eine Bitte, der ich gern nachgekommen bin.

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Umkehr 2017

Gestern standen wir am Rande des Abgrunds, heute sind wir einen Schritt weiter.

Wir alle lachen, wenn wir diesen Satz hören. Wir halten die Sache für einen Witz. Denn das kann ja nicht ernst gemeint sein. Einen Schritt weiter … in den Abgrund.

Haben Sie einmal darüber nachgedacht, wie aus diesem vermeintlichen Witz plötzlich Ernst werden könnte? Nein, ich spreche nicht von kollektivem Selbstmord, wo man bewusst diesen einen Schritt tut, der auch der letzte ist … in den Abgrund.

Ich meine etwas anderes. Wir – eine Wandergruppe, eine Familie, ein Volk – haben den falschen Weg eingeschlagen und uns an den Rand einer Katastrophe gebracht. Natürlich hat es keinen Sinn, weiterzugehen. Aber für immer stehen bleiben, das ist unmöglich. Nein, irgendwann muss der nächste Schritt erfolgen … zurück.

Umkehren. Aus dem Chassidismus stammen die folgenden Sätze:

Die große Schuld des Menschen
sind nicht seine Sünden, die er begeht –
die Versuchung ist groß und seine Kraft ist klein.
Die große Schuld des Menschen ist,
daß er jederzeit umkehren kann
und es nicht tut.

Lassen Sie es uns tun. Im neuen Jahr. Umkehren. Die Richtung wechseln. Die Denkrichtung. In der Familie, im Beruf und in der Politik. Die alten Trampelpfade verlassen. Ich meine nicht Buße im religiösen Sinn, also Umkehr zu Gott. Eher das, was in der griechischen Bibelfassung statt „Buße“ steht:  Metanoia, zu deutsch: Sinnesänderung. Und das ist näher bei Sokrates und Buddha als bei Jesus von Nazareth.

Mir geht es im Wahljahr 2017 vor allem um die Bildungspolitik. Wir brauchen keine 16 Schulsysteme in Deutschland. Keine wertlosen Abiturzeugnisse. Kein Bildungssystem, in dem immer mehr junge Menschen den Boden unter den Füßen verlieren und abdriften in Gleichgültigkeit, Drogen, Suizid.

Wir müssen weg von diesem Irrweg – weg von Einbildung und Halbbildung. Was wir brauchen, ist echte Bildung. Bildung der Persönlichkeit. Herzensbildung. Das Ziel: ein gelingendes Leben – Selbstvertrauen, Achtsamkeit, Urteilskraft, Lebensfreude.

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Wenn Kinder im Unterricht auch lachen können

… fühlen sie sich wohl und lernen effektiver.

 

Das sagt Marie-Christine Ghanbari, die an einer Gesamtschule Deutsch, Sport und Mathematik unterrichtet – aus meiner Sicht die wichtigsten Fächer für jede deutsche Schule. Das habe ich so geschrieben und begründet in meinem letzten Buch, bei dem schon im Klappentext zu lesen ist:

  • Mehr Deutsch, Sport und Mathematik.

Frau Ghanbari hat irgendwann beschlossen, Lehrerin für das komplette Triple zu werden. Jetzt hat sie es beim Wettbewerb „Weltlehrerpreis“ unter die letzten 50 geschafft. Beworben hatten sich 20.000 Lehrer aus 179 Ländern.

In einem SPIEGEL-Interview erläutert sie ihre Art zu unterrichten. Sie unterstützt ihre Schülerinnen und Schüler Tag für Tag in dem schwierigen Prozess, eine Balance von Körper, Verstand und Seele zu finden. Es wird Basketball gespielt, um mathematische Probleme zu lösen. Im Deutschunterricht und in zahlreichen Projekten werden Teamgeist und demokratisches Handeln trainiert. Und es wird oft und viel gelacht.

Auf Klappentext-Kürze gebracht:

  • Mehr Achtsamkeit und Verlässlichkeit
  • Mehr Projekte, mehr Begeisterung.

Ich bin begeistert von Frau Ghanbaris Unterrichtsmethoden. Sie ist eine echte Projektphilosophin.

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Abitur? Kannste in die Tonne kloppen …

… meint der Deutsche Lehrerverband.

 

Anfang Dezember fand eine Besten-Ehrung der IHK Koblenz statt. Der Bitte, dort als Gastredner aufzutreten, habe ich gern entsprochen. Denn es wurden junge Leute ausgezeichnet, die den Königsweg gegangen sind. In meiner Rede stellte ich die Frage:

Wozu taugt überhaupt noch dieses gebenedeite, vermaledeite deutsche Abitur, wenn es keine Eintrittskarte für die Hochschule mehr ist? Sondern nur noch ein Blatt Papier, das demnächst 90 Prozent der Bevölkerung besitzen und das sie irgendwo auf dem Speicher verstauen können, in einem Karton mit der Aufschrift „Scherzartikel, Karneval“.

Eine Bestätigung für meinen Standpunkt gab es nun durch Josef Kraus, den Chef des Deutschen Lehrerverbandes. Er hat in einem Interview beklagt, dass sich allein in Berlin die Zahl der 1,0-Abiturzeugnisse innerhalb von zehn Jahren vervierzehnfacht (!) hat. Seine bemerkenswerte Forderung:

Anspruchsvollere Bundesländer sollten die Abiturzeugnisse
anspruchsloser Bundesländer nicht mehr anerkennen.

Ein Paukenschlag. Zeugnisse, sagt Kraus, dürfen „nicht zu ungedeckten Schecks werden“ (ZEIT, 12.12.2016). Die Frage ist, ob dieser Paukenschlag etwas an der deutschen Bildungsmisere ändern wird. Mein Vorschlag: Statt ungedeckte Schecks im Nachhinein nicht anzuerkennen, sollte man gar nicht erst erlauben, sie auszustellen.

Meine Kernforderung in „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“ lautet:

Zulassung zum Hochschulstudium nur mit Abitur/Fachabitur
und abgeschlossener betrieblicher Berufsausbildung.

Ich bin sicher: Sobald das Realität wird, ist Ruhe auf dem Schiff. Schluss mit dem ganzen Abitur-Hype. Stattdessen die Erkenntnis: Wichtiger als das Abitur ist der Berufsabschluss. Ohne den läuft gar nichts. Studium und Weiterbildung sind danach jederzeit möglich.

Abschließend noch ein weiterer kurzer Auszug aus meiner Rede bei der IHK Koblenz:

Die Sekte der Abitur-Anbeter hat es inzwischen geschafft, dass ihre abstruse Lehre zur Staatsreligion erhoben wurde. Diese neue Bildungs-Lehre, die man getrost mit einem Doppel-E schreiben kann, ist so erfolgreich wie eine Designer-Droge – Opium fürs Volk 4.0. (…) Eins steht fest, Abiturwahn ist so infektiös wie ein virales Kätzchen-Video, nur nicht so harmlos.

 

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Abiturwahn – oder warum der deutsche Einbildungsbürger Jan Fleischhauer ein Problem mit Martin Schulz hat

Martin Schulz, der möglicherweise im neuen Jahr Außenminister und Kanzlerkandidat der SPD sein wird, ist den Königsweg gegangen. In dem privaten katholischen Gymnasium, das er als Teenager besuchte, ließ man ihn nicht zur Abiturprüfung zu; und wer sich ein wenig mit Gymnasien dieser Kategorie auskennt, weiß: Das spricht nicht unbedingt gegen den Mann. Schulz absolvierte anschließend eine betriebliche Berufsausbildung im Buchhandel. Heute ist er Präsident des Europäischen Parlaments.

Jan Fleischhauer ist nicht Präsident, Intendant oder Firmenchef. Er ist Journalist. Er hat nie einen verantwortungsvollen Spitzenjob gemacht. Aber er hat Abitur. Deshalb bildet er sich ein, zu wissen, was man braucht, um erfolgreich einen Spitzenjob zu machen: Abitur. Und davon setzt er die Welt in Kenntnis. Hiermit schlage ich Herrn Fleischhauer als neuen Präsidenten eines noch zu gründenden Vereins deutscher Einbildungsbürger vor.

Was Leuten wie Fleischhauer fehlt, ist Bodenhaftung. Und die bekommst du nicht durch den Besuch eines Gymnasiums oder einer Uni. Auch nicht durch das Schreiben von Artikeln und Büchern. Bodenhaftung kannst du dir nur durch jahrelange Maloche in einem Betrieb erarbeiten.

Den Dünkel, die verschrobene und abiturfixierte Vorstellung von „Bildung“ findet man immer noch bei vielen Menschen. In der Zeit der 68er nannte man sie „elitäre Scheißer“.

Franz Josef Wagner formuliert es in der BILD auf seine Weise:

Was für eine Schwachsinns-Debatte. Wie viele Uni-Luschen fahren heute Taxi. Alle haben ihr Abitur bestanden, Soziologie studiert, Anglistik. Und jetzt pupsen sie in ihren Taxis, während sie die „taz“ lesen.

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Unsere Hochschulabsolventen werden immer infantiler – das Ergebnis einer Ifo-Befragung

Fazit: Abiturwahn und Nonstop-Schule sind Irrwege,
die Lösung lautet „Königsweg“ – Berufseinstieg vor dem Studium.

 

Infantilismus zeigt sich laut Wikipedia insbesondere

im Fehlen einer altersentsprechenden Selbstreflexion und (…)
in einer sozialen und/oder emotionalen Unreife.

Nehmen Sie nun noch folgende Komponenten hinzu:

  • Schwierigkeiten beim Lösen von Problemen
  • mangelhaftes Abstraktionsvermögen
  • Defizite bei der Selbständigkeit
  • unzureichende Allgemeinbildung.

Dann haben Sie eine ziemlich genaue Beschreibung der Persönlichkeit und der Kompetenz eines durchschnittlichen jungen Deutschen, der nach dem Bachelor- oder Master-Abschluss anfängt, in einem Betrieb zu arbeiten. Einzelheiten zu den Ergebnissen einer entsprechenden Befragung des Münchener Ifo-Instituts finden Sie in einem Artikel, der heute im SPIEGEL erschienen ist: Personalchefs sind unzufrieden mit Uni-Absolventen.

Wohlgemerkt, die Unzufriedenheit der Personalchefs bezieht sich auf die Berufseinsteiger, die in den vergangenen zehn Jahren „direkt von der Uni“ in die Betriebe gekommen sind. Es geht also nicht um Absolventen der „alten“ Studiengänge mit Abschluss „Diplom-Ingenieur“, „Diplom-Physiker“ etc.. Die traurige Pointe ist, dass die ganze Bologna-Reform mit ihren „neuen“ Bachelor- und Master-Abschlüssen unter anderem deshalb durchgezogen wurde, weil man hierdurch eine bessere „berufliche Eignung der jungen Akademiker“ erzielen wollte. Vereinfacht gesagt: Bologna ist gescheitert.

Und noch etwas: Wer „direkt von der Uni“ in einen Betrieb geht, der ist nicht den Königsweg gegangen. Er ist achtzehn, zwanzig und mehr Jahre lang nonstop beschult worden – von der Grundschule bis zum Master-Abschluss. Und das ist offensichtlich der ideale Nährboden für Infantilismus.

Was ich mir wünsche, ist eine Befragung von Personalchefs zu ihrer Einschätzung der Königsweg-Hochschulabsolventen, also der jungen Leute, die vor dem Studium eine betriebliche Berufsausbildung abgeschlossen und sich somit schon als Teenager handfeste Erfahrungen aus der Berufspraxis erarbeitet haben.

Und was heißt Erfahrung? Aldous Huxley sagt es uns:

Erfahrung ist nicht das, was einem zustößt.
Erfahrung ist das, was man aus dem macht, was einem zustößt.

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Jobangebot: Autor sucht Teilzeitkräfte

Haben Sie Interesse an Politik, Öffentlichkeitsarbeit und speziell am Thema Bildung? Können Sie sich ganz konkret eine Mitarbeit in meinem Projektteam „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“ vorstellen – im Bereich Recherche, Networking oder Akquisition von Vorträgen, Diskussionsrunden, Workshops? Dann sollten wir uns sehr bald einmal kennenlernen. Senden Sie Ihre Kurzbewerbung bitte per Mail an jobs@bmscheurer.de.

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Eine Antwort der Bundesbildungsministerin auf meinen offenen Brief vom 6.11.2016 …

… liegt bisher nicht vor. Erstaunlich, was eine Bundesbehörde mit vier Staatssekretären, sechs Leitungsstäben, acht Abteilungen und fünfzehn Unterabteilungen innerhalb von zwei Arbeitswochen zu leisten imstande ist.

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