Anekdoten(4): Aufschlag Friedrich der Große, trockener Return von Moses Mendelssohn

Moses Mendelssohn (1729-1786), der Großvater des Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, war im Berlin Friedrichs des Großen eine bekannte Figur. Zwischen dem König und dem Philosophen, der zugleich einer der einflussreichsten Repräsentanten des damaligen Judentums in Deutschland war, entwickelte sich im Laufe der Jahre eine freundschaftliche Verbundenheit.

Zu einem Essen, das Friedrich II. gab, hatte er auch Mendelssohn geladen. Kurz bevor die Gäste kamen, hatte der König einen witzigen Einfall, nahm die Tischkarte des Philosophen und schrieb unter den Namen Mendelssohn “… ist ein Esel”. Darunter setzte er ganz offen seinen Namenszug.

Als man zu Tisch ging, beobachtete er den Gelehrten genau, als dieser die Karte las, aber keine Miene verzog. Das ärgerte ihn, und er forderte Mendelssohn auf, doch vorzulesen, was auf seiner Tischkarte stände. Mendelssohn nahm die Karte und las ganz langsam, unter besonderer Betonung der Zahlwörter: “Mendelssohn ist ein Esel – Friedrich der zweite.”

———————————————————————————————————-
Quelle: Das große Buch der Anekdoten von A-Z, Orbis Verlag, 1991

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Alles abschaffen: Sitzenbleiben, Schulnoten … und die Stoppuhr beim 100-Meter-Lauf

Das Leben ist ein Ponyhof – die wundersame Welt des Fernsehphilosophen Richard David Precht

 

Man stelle sich vor, da sitzt jemand auf einem Sofa in einer Talkshow und erklärt: Die Zustände in den deutschen Leichtathletik-Stadien sind katastrophal, die jungen Sportler haben zu wenig Motivation, sie können nicht wirklich ihre Persönlichkeit entwickeln, und auf dem Siegerpodest stehen viel zu wenig Leute.

Der Mann auf dem Sofa weiß, wovon er spricht, denn als junger Bursche hat er bei den Bundesjugend-Murmelspielen in Immekeppel den drittletzten Platz gemacht. Deshalb fordert er nun: Schluss mit den Stoppuhren, Maßbändern und den lächerlichen Medaillen. Jeder soll mit 18 Jahren an einer Olympiade teilnehmen dürfen. Disqualifikation wegen Regelverstoß oder mangelnder Leistung ist Schnee von vorgestern. Statt der Wettkämpfe in klar abgegrenzten Disziplinen sollten in Zukunft “Projekte” (!) durchgeführt werden, bei denen die Athleten lernen, „verschiedene Expertisen multiperspektivisch zu einem Erkenntnisprozess zu ordnen und daraus Strategien zu generieren” (Zitat aus dem neuen Buch von R. D. Precht, siehe FAZ-Rezension vom 28.4.2013). Statt einer Medaille erhält jeder Athlet ein Gutachten, in welchem “die ganze Persönlichkeit” erfasst wird.

Und nun ersetzen Sie “Leichtathletik-Stadien” durch “Schulen” sowie “Medaillen” durch “Noten”, dann dämmert Ihnen allmählich: Der Sofakritiker Precht, wie ihn der Hamburger Schulsenator Rabe kürzlich nannte, hat wieder zugeschlagen – bei Günther Jauch, wo er sein neues Buch und seine Ideen von der Schule der Zukunft vorstellen durfte. Das Verrückte ist: Einige von Prechts Denkansätzen sind gar nicht so neu und auch nicht völlig falsch – aber er stößt in einer künstlerisch-eleganten Bewegung mit dem Gesäß das um, was andere mühevoll über Jahre mit ihren Köpfen und Händen aufgebaut haben.

Besonders peinlich: Herr Precht hat nie Pädagogik und Didaktik studiert, geschweige denn für ein, zwei Jahre einmal an einer Schule unterrichtet; er hat keine Ahnung von MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) und ebenso keinen Schimmer von Projekten, aber er äußert sich ausufernd zu all diesen Dingen. Wer außer Prechts kindlich-naiver Vorstellung von Projekten weiter nichts darüber erfahren würde, müsste glauben, im Projektgeschäft gehe es zu wie in einer Fernseh-Quasselbude: Keine Struktur, kein Ziel, keine Qualitätskontrolle, keine Ergebnisse … blablabla.

Schade, Herr Precht, Thema verfehlt, mangelhaft. Und nun halten Sie nicht weiter den Betrieb auf; lassen Sie die, die sich ernsthaft mit Schule und Bildung auseinander setzen, in Ruhe arbeiten. Nehmen Sie wieder Platz auf Ihrem Fernseh-Sofa und bitte, bitte bleiben Sie dort sitzen.

—————————————————————————-
 Foto:Wikimedia 

1 Kommentar | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Uli Hoeneß, der Retter der SPD

 

Jetzt geht’s um die Wurst. Die Rede ist nicht vom McDonald’s-Nürnburger aus der Wurstfabrik von Uli Hoeneß, sondern:

Erstens vom FC Bayern München, der sich mit beeindruckender Effizienz auf dem Weg zum erneuten Gewinn des Champions-League-Pokals befindet, jedoch gestern ein saudummes Eigentor seines Vereinspräsidenten hinnehmen musste. Genauer gesagt: Uli Hoeneß hat über Jahre hinweg einige hundert Millionen Eigentore geschossen und dies auch bereits im Januar per Selbstanzeige zugegeben, bekannt wurde die Sache aber erst gestern. Geprüft wird zur Zeit, inwieweit sich das “unvorstellbare Vermögen” (siehe Süddeutsche, gestrige Ausgabe) von Eigentreffern auf das Festgeldkonto des FC Bayern auswirken wird. Aber vielleicht ist das dem ein oder anderen inzwischen eh Wurscht.

Zweitens von der alten Tante SPD, die – anders als die alte Dame Juventus Turin im CL-Viertelfinale – nun eine fantastische Steilvorlage bekommen hat, nachdem sie im Vor-Wahlkampf gegen Schwarz-Gelb schon hoffnungslos zurücklag. Sie nämlich hat den von CDU, FDP und vor allem von der Hoeneß-Partei CSU angestrebten Kuhhandel verhindert, mit dem tausende Steuer-Großbetrüger in Deutschland eine Art Persilschein bekommen hätten. Ich vermute, damit ist die SPD zurück im Spiel. Sie wird Herrn Hoeneß eines Tages ein Denkmal setzen.

Laut FAZ vom 7.4.2013 hat der FCB-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge sich vor einiger Zeit geäußert, man müsse „mit dem Schuss Demut und Gier in die Spiele gehen“. Nun, mit der Gier klappt es ja schon ganz schön. Fehlt nur noch ein bisschen Demut.

P. S.: Die obige Briefmarke zeigt eine Szene aus dem Spiel Deutschland – Jugoslawien bei der WM 1974, als Uli Hoeneß den Ball noch in die richtige Richtung schoss (–> Wikimedia).

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Der ideale Coach: ein Labrador.

An einer Hamburger Grundschule ist seit einiger Zeit ein Labrador-Retriever im Einsatz, der als eine Art Katalysator im Unterricht wirkt. Darüber wird heute unter der BILDhaften Überschrift “Unser Pauker mit der kalten Schnauze” in Bild.de berichtet.

Allein durch seine Anwesenheit wird die Lernatmosphäre spürbar verbessert, bestätigt der Leiter der Schule: „Sobald Barney da ist, wird es still im Klassenzimmer.“ Hundesitter Ludger Behrens, der mit Barney die Klassen abwechselnd, ohne feste Reihenfolge besucht, erklärt es so: „Die Schüler wollen, dass es Barney gut geht, deshalb sind sie leise“.

Am Ende des Bild-Artikels heißt es: Geduldig lauschte Barney einer Grundschülerin, die Angst hatte, laut vor der Klasse zu lesen. Behrens: „Dem Hund hat sie fröhlich aus ihrem Lesebuch vorgetragen. Dann hat‘s auch im Klassenzimmer geklappt.“ Ein Musterbeispiel für Achtsamkeit und Inspiration.

Offensichtlich schafft Barney auf einer speziellen Ebene das, was kaum eine Lehrerin oder ein Sozialpädagoge Tag für Tag leisten kann: zuhören, Klappe halten, keine Ratschläge, keine Gardinenpredigt, einfach positive Energien ausstrahlen.

Vielleicht wird man dem Hund eines Tages vor der Bonifatiusschule in Wilhelmsburg ein Denkmal setzen. Immerhin, auf der Foto-Tafel des Schulkollegiums ist er bereits vertreten, wie man dem vierten Bild der zugehörigen Fotostrecke entnehmen kann.

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Kölncampus: “Catch your dreams …”

 

 

“… before they slip away” – so heißt es in “Ruby Tuesday“, einem Lied der Rolling Stones aus dem Jahr 1967. Was ich mit diesem Song und diesem Jahr verbinde, ist ein Italien-Urlaub mit Freunden unmittelbar nach unserem Abitur. Wir genossen die unendliche Freiheit, wir hatten herrliche Tage in Rom gehabt, faulenzten tagsüber am Mittelmeerstrand, und abends in der Disco gab’s “Ruby Tuesday”.

Gerade eben bin ich in Spiegel Online auf einen Artikel von André Bosse gestoßen, in dem es genau darum geht: Um Freiheit, um Träume – nach Ende der Schulpflicht und vor den neuen Pflichten in Beruf, Karriere etc..

Am Beispiel von Kölncampus, dem Studentenradio der Uni Köln, wird aufgezeigt: Seit Einführung der neuen Studienordnungen haben viele Studierende nur noch Effizienz und Optimierung ihres Studiums im Auge, nur wenige haben den Mut, gegen den Strom zu schwimmen und es so zu machen wie Ina Plodroch, eine der Moderatorinnen bei Kölncampus: “Ich nehme mir halt einfach die Zeit, meinen Träumen nachzugehen. Und Radio zu machen ist einer dieser Träume.” Genau solche Leute aber werden inzwischen von immer mehr Personalchefs in den großen Industriebetrieben gesucht: Träumer und Querdenker.

In einem Punkt muss ich André Bosse widersprechen: Seminare für Zeit- und Selbstmanagement müssen keineswegs “Traumkiller” sein. Bei meinen Hochschulkursen für Projekt- und Selbstmanagement steige ich gleich zu Beginn in dieses Thema ein: studium im ursprünglichen Sinne von Eifer, Neigung, Lust sowie spirit (Kreativität, Begeisterung) als Gegenpol zu pragma. Auf der Seite Materialien finden sie mehr dazu unter “EPRO Coaching-Modul 1″.

Gerade heute – unter Bachelor-/Master-Bedingungen mit Credits etc. – geht es für die Studis darum, nicht nur zu funktionieren, sondern die richtigen Prioritäten zu setzen, gemäß ihren innersten Wünschen und Neigungen. Also das zu tun, was Bosse am Ende seines Aufsatzes empfiehlt: “Bitte den Campusradios die Hütte einrennen und Radio machen. Oder Theater spielen … Hochschulpolitik machen. Eine Campus-App programmieren.”

Sagen wir einfach: Projekte machen. Ein Paradebeispiel hierfür ist das Musicalprojekt der Uni Mainz: “Pinkelstadt (Urinetown)“.

———————————————————————–

Foto: Franz Marc – Der Traum (Quelle: Wikimedia)

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Franziskus, down by the riverside.

 

 

Der Wendepunkt im Leben des Franz von Assisi war der Moment, in dem er seine Ritterrüstung ablegte und beschloss, nie mehr in den Krieg zu ziehen. Der Text eines alten Songs kommt mir dabei in den Sinn: Gonna lay down my sword and shield, Down by the riverside … I ain’t go study war no more.

In der ersten Strophe des Lieds, von dem es eine sehr muntere Dixieland-Interpretation auf Youtube gibt, ist noch nicht von Schwert und Schild die Rede, sondern von einer Last, die abgelegt wird. Ich denke, der junge Franziskus musste sich zuallererst von der Last der Vergangenheit befreien, bevor er einen echten Neubeginn schaffen konnte, mit all dem, was wir heute mit seinem Namen verbinden – der Liebe zur Natur, einem Leben in Armut und Bescheidenheit und nicht zuletzt: dem Wiederaufbau seiner Kirche.

Letzteres sah er als einen Auftrag Gottes an ihn, und zwar nicht nur im übertragenen Sinne. Noch bevor Franziskus seinen Orden der Minderen Brüder gründete, stellte er eigenhändig und mit Unterstützung seiner Freunde eine kleine, verfallene Kirche in der Nähe seiner Heimatstadt wieder her. Er war also nicht nur ein Mann der Meditation und der Spiritualität, er war ein Projektmensch. Von ihm stammt der Satz: Das größte Laster ist die Verzagtheit. Und: Wir müssen jeden Tag von neuem anfangen.

Dass Franziskus, der Sohn eines reichen Tuchhändlers, als Teenager ein ausschweifendes und verschwenderisches Leben geführt hat, ist allgemein bekannt, wobei sich die Frage stellt: Hatte diese Verschwendungssucht nicht die gleiche Wurzel wie die spätere Hinwendung zur Armut, nämlich: eine ungeheure Großzügigkeit gegenüber anderen Menschen, in Abgrenzung zur Habgier seines Vaters?

Zwei Dinge sind den meisten Katholiken aber vermutlich nicht bewusst: Erstens, die Ideen und die Lebensweise des Bettelmönchs Francesco waren eine Provokation für die weltliche und vor allem die kirchliche Obrigkeit. Der Mann war gefährlich, er nahm die Bibel wirklich ernst, so dass es jede Menge Ärger gab. Zweitens, der oberste Kriegsherr, dem Franziskus als junger Mann die Gefolgschaft aufkündigte, war der damalige Papst.

Der neue Papst heißt Franziskus. Mal schauen, wie er aus der Sache wieder herauskommt.

—————————————————————————-
Foto von Walter Hochauer, gefunden in Wikimedia

 

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Es lebe der Clown(fisch)!

Das Peerlusconi-Rätsel ist lösbar, natürlich.

 

Clownfisch (Amphiprion percula)

Die Natur ist oft der beste Ratgeber. Was also macht ein Problem-Peer, wenn ihm das Wasser bis zum Halse steht, wenn – wie erst gestern an dieser Stelle berichtet – die Wogen der öffentlichen Kritik über ihm zusammenschlagen? Er taucht für eine Weile ab, in die Tiefen des Ozeans.

Dort, in den Unterwasser-Wirtshäusern der Seeanemonen und ihrer Stammgäste, der Clownfische, kann er die Kritik von Staatspräsidenten, politisch aktiven Clowns und Zirkusdirektoren an sich abperlen lassen, und er bekommt kostenlose Bio-Tipps zur Lösung komplexer Probleme in der globalisiert-verknäuelten Welt der Finanz-Medien-Mafia-Demokratie-Realsatire (in dieser Reihenfolge, jedoch mit fließenden Übergängen).

In dem SpiegelOnline-Artikel “Nächtliche Fürsorge” über die Ergebnisse einer US-Forschungsstudie heißt es:

Clownfische und Seeanemonen leben in einer perfekten Symbiose. Die Anemone bietet ihrem Partner mit ihren giftigen Nesselzellen Schutz vor anderen Fischen. Der farbenfrohe Clownfisch wiederum verteidigt seine Wirtin vor Fressfeinden und hält ihre Tentakeln sauber.

Das alles war seit geraumer Zeit bekannt, aber nun fand man heraus, dass die “schwimmenden Gäste” noch mehr für ihre Anemone tun: Sie ”wedeln auch Sauerstoff heran, wenn der im Wasser knapp wird”.

Über die Clown- bzw. Anemonenfische erfahren wir bei Wikipedia:

Anemonenfische sind nach Erreichen der Geschlechtsreife zunächst männlich. Sie leben in Polyandrie, ein Weibchen mit mehreren Männchen, in einer oder einer kleinen Gruppe von Anemonen. Das dominierende, größte Tier in einer Anemone ist immer das einzige Weibchen. Stirbt das Weibchen, wandelt sich das stärkste Männchen innerhalb einer Woche in ein Weibchen um.

Was haben wir nun auf unserem Unterwasser-Kneipenbummel gelernt?

1. Die Seeanemonen stehen für die freie Presse. Sie fressen kleine Fische, wobei sie sich giftiger Pfeile (Nesselfäden) bedienen, und müssen sich schützen vor ihren Fressfeinden (s. o.), den großen Fischen.

2. Die Clownfische, die besten Freunde der Seeanemonen – das sind die Politiker, Kabarettisten, Comedians, denen am Erhalt der Presse- und Medienfreiheit gelegen ist, welche ihnen selbst ja zugute kommt. Sie sorgen für saubere Tentakeln (Fangarme) und stets frischen Sauerstoff. Beispiele: Beppe Grillo, Bernhard Paul.

3. “ein Weibchen mit mehreren Männchen”:
Silvio Berlusconi hat’s lieber umgekehrt, das heißt er ist, entgegen der Steinbrück-Vermutung, kein Clown(fisch); vielmehr ist er ein ausgewiesener Fressfeind der freien Presse; zum anderen klingt das Zitat verdächtig nach Angela Merkel, spätestens beim dominierenden, größten Tier ist alles klar.

4. “Stirbt das Weibchen, wandelt sich das stärkste Männchen innerhalb einer Woche in ein Weibchen um.”
Ich frage mich schon seit einiger Zeit: Will Steinbrück überhaupt Kanzler werden? Wieso diese ständigen “unforced errors”? Vermutlich hat er sich längst gegen eine Geschlechtsumwandlung entschieden und kämpft in aller Ruhe den Weg frei für Hannelore Kraft.

Foto: Wikimedia

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Herr “Peerlusconi” und sein Problem mit der Achtsamkeit

Peer Steinbrück ist kein Eichhörnchen. Sonst würde er nicht von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen hüpfen, sondern von Ast zu Ast. Und Beppe Grillo, über den der SPD-Mann sich vor zwei Tagen bei einer Wahlkampfveranstaltung lustig gemacht hat, ist mehr als nur ein Clown, sonst hätte er nicht ein Viertel der Wählerstimmen in Italien bekommen.

Bis zu einem gewissen Grad bin ich entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben“, hat Steinbrück zu den Wahlerfolgen von Grillo und Berlusconi gesagt. Er hat – wieder einmal - rotzfrech in den Medienwald hinein gerufen, nun schallt es tausendfach von dort zurück, auf gleicher Frequenz. Und die da aus dem Wald rufen, sind weder Eichhörnchen noch Clowns. Herr Steinbrück bringt die Leute zum Lachen, aber anders, als er es sich erhofft hat. Er selbst wird jetzt zum Clown, zum “Peerlusconi” und zum europäischen Sicherheitsrisiko abgestempelt.

Steinbrück hat ganz offensichtlich ein Problem mit der Achtsamkeit. Er achtet zu wenig darauf, wie seine Worte auf andere Menschen wirken können, in diesem Fall auf Millionen Italienerinnen und Italiener. Er kann es sich nicht verkneifen, Witze und Wortspiele auf Kosten anderer zu machen. Er selbst findet, solche Sprüche seien punktgenauer Klartext. Aber die meisten, die sie hören, fällen ein völlig anderes Urteil: irritierend, voll daneben, unklug.

Peer Steinbrück hat nicht mehr allzu viel Zeit zum Lernen. Er erinnert schon jetzt immer mehr an Mitt Romney, der die letzte US-Präsidentenwahl gegen Obama schon lange im Voraus verloren hatte – durch seine Unachtsamkeit und seine mangelhaften außenpolitischen Kenntnisse. Ich denke, Wolfgang Münchau hat mit seiner aktuellen Kolumne den Nagel auf den Kopf getroffen: Steinbrück vergibt einmal mehr die Chance, die eklatanten Fehler in der Euro-Krisenpolitik der Kanzlerin bloßzustellen und lenkt durch seinen dummen Spruch vom eigentlichen Thema ab. Frau Merkel weiß, was sie an ihrem Herausforderer hat. Sie weiß, er ist kein Clown, aber wirklich ernst muss sie ihn nicht mehr nehmen.

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Witzableiter(9): Information overload … auf den Hund gekommen

Eine Dame kauft einen Trinknapf für ihren Hund. Der Verkäufer fragt, ob sie eine Inschrift darauf wünsche,etwa: “Für den Hund.” “Nicht nötig”, erwidert sie, “mein Mann trinkt kein Wasser, und der Hund kann nicht lesen.”

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Sexismus, Mobbing, Burnout – wir brauchen eine Debatte über Achtsamkeit

“Deutschland debattiert über Sexismus”, heißt es bei Spiegel Online, “Deutschland will diese Debatte”, sagt BILD - die Medienwogen schlagen hoch seit dem Stern-Artikel von Laura Himmelreich über Rainer Brüderle, den neuen “Hoffnungsträger” der FDP, der sich vor etwa einem Jahr ihr gegenüber in einer Hotelbar in herabwürdigender Art verhalten hat.

Ich halte diese Debatte für sehr wichtig und überfällig, unabhängig von der Person und vom Fall Brüderle, der ja nur den Stein ins Rollen brachte. Was mich ein wenig stört, ist die inflationäre Verwendung des Worts Sexismus. Natürlich braucht der öffentliche Diskurs Schlagwörter, um Interesse auszulösen und dann Wirkung zu entfalten. Die Gefahr ist, wie bei allen auf “ismus” endenden Wörtern, dass alte Feindbilder aufgewärmt und neue geschaffen werden.

Viele Frauen und auch einige Männer sind inzwischen dahinter gekommen, dass es bei sexuellen Übergriffen weniger um Wollust geht als um Lust an der Demütigung und letztlich um strukturelle Gewalt. Der Täter (ein Vorgesetzter, ein prominenter Wirtschaftsboss oder Politiker) gibt dem Opfer zu verstehen: Ich bin mächtiger als du, und diese Macht lasse ich dich spüren, indem ich mein Spiel mit dir treibe.

Im Grunde geht es um Mobbing oder Stalking im weiteren Sinne. Es stellt sich die Frage: Ist der Täter fähig und willens, sein Fehlverhalten zu begreifen und abzustellen, und inwieweit ist das Opfer in der Lage, sich zu wehren? Ich denke, es wird höchste Zeit, dass mehr Trainingskurse für Mädchen und Frauen angeboten werden, in denen Selbstverteidigung nicht nur auf der Judomatte trainiert wird, sondern auch vor der Videokamera – mit dem Ziel, auch mit Worten schlagfertiger zu werden.

Weit weniger aufstachelnd als “Sexismus”, “Mobbing” oder “Burnout” ist das schlichte Wort “Achtsamkeit”, dem man heute fast nur noch in buddhistischen Texten begegnet. Aber dieses Wort umfasst all das, worum es bei den drei genannten Modebegriffen geht: das Achtlose, die Nichtbeachtung bis hin zur Ächtung, zur Ausgrenzung, ebenso den Mangel an Selbstachtung, an Achtsamkeit gegenüber sich selbst.

Das wäre doch was: Eine Achtsamkeits-Debatte, in der es nicht um Fronten zwischen Männern und Frauen geht, sondern darum, was Eltern ihren Kindern, Lehrer ihren Schülern, Politiker ihren Wählern vorleben sollten: das Obacht geben auf Worte, Gesten, Mimik, bei sich selbst und bei anderen – bevor es zu Handgreiflichkeiten kommt. Bei meinen Projektphilosophie-Kursen ist “achtsam” inzwischen zu einer der zentralen Charaktereigenschaften geworden; die Projektphilosophie-Uhr macht die Bezüge zu weiteren Leitbegriffen deutlich, die in der vorliegenden Debatte von Belang sind: Mut, Freiheit, Erkenntnis, Urteilskraft, Gerechtigkeit.

Kommentare | This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen