Opium

Kraft und Löhrmann schmieren ab mit ihrer NRW-Bildungspolitik

 

„Abitur für alle“, das ist ungefähr so sinnvoll wie „Porsche für alle“. Klar, jeder hat jetzt eine Karre vor der Tür, wo Porsche draufsteht. Sieht auch aus wie ein Porsche. Aber unter der Motorhaube knattert ein Zweitakter, das Getriebe hat einen Vorwärts- und vier Rückwärtsgänge, und das Ding klingt und stinkt wie ein Moped. Es ist ein Moped.

Irgendwann haben es die Wähler an Rhein und Ruhr gemerkt: Schule in NRW, das läuft seit Jahren wie geschmiert, nur in die falsche Richtung. Immer mehr Abiturienten, immer bessere Noten, immer weniger Wissen, Lernfreude, Erkenntnis.

Bei der NRW-Wahl am vergangenen Sonntag gab es nun eine Klatsche für Frau Kraft („Wir lassen kein Kind zurück“) und Frau Löhrmann („Wir wollten in unseren Schulen einiges nach vorn bringen, aber damit waren viele wohl überfordert“). Nein, Frau Löhrmann, Sie waren überfordert mit Ihrem Job. Von Anfang an. Und Sie haben es immer noch nicht begriffen.

Abitur für alle ist Opium fürs Volk.

Wer anderen harte Drogen besorgt, muss aufpassen, dass er das Zeug nicht irgendwann selber nimmt. Nach dem Rausch kommt der harte Aufschlag auf dem Boden der Tatsachen. Die Wählerschaft von Frau Kraft ist um circa ein Fünftel geschrumpft, die von Frau Löhrmann um fast die Hälfte.

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Was ist Dein Projekt, Martin?

Daniel Günther hatte ein Projekt: Sturz der Landesregierung in Kiel. Und er hatte Glück. Sein Gegner Torsten Albig redete sich in einem Interview mit der Regenbogenpresse um Kopf und Kragen.

Die Herren Laschet und Lindner haben ein ähnliches Projekt in NRW. Auch sie könnten gewinnen – wegen der Fehler von Frau Kraft.

Und Martin Schulz? Er hatte einen fulminanten Start im Januar. Es klang überzeugend, als er sagte: Ich will Bundeskanzler werden. Aber Angela Merkel ist nicht Kraft oder Albig, sie macht zur Zeit kaum Fehler.

Was Schulz braucht, ist ein neues Projekt. Zum Beispiel ein kompaktes, handlungsfähiges Mitteleuropa nach dem Brexit. Die Gerechtigkeit wird’s nicht bringen – sie gehört zu den Wurzeln der SPD, und das zielt in die Vergangenheit. Ein „proiectum“ ist etwas, das „nach vorn geworfen“ wird. Die Wähler wollen wissen, wie es weitergeht – in Deutschland und Europa. Bestes Beispiel: die Friedenspolitik von Willy Brandt.

Bis zum 24. September ist noch ein wenig Zeit. Nach Kiel und Düsseldorf kommt Berlin. Und stets gilt der Spruch:

Sage mir, was Dein Projekt ist,
und ich sage Dir, wer Du bist.

 

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Wahljahr 2017: Wer schafft endlich die 16 Landes-Schulministerien ab …

… und macht Bildungs-Nägel mit Köpfen?

 

Die Lobby ist groß, die Lobby ist mächtig. Das gilt für die Pharma-, die Automobilindustrie … und für die Bildungsindustrie.

Nur, während inzwischen dem letzten Deppen klar geworden ist, dass immer mehr Autos und Pillen uns nicht glücklicher machen, ist es beim Thema Bildung völlig anders. Nur wenige unter den Eltern/Abiturienten/Studierenden scheinen begriffen zu haben (wegen mangelnder Bildung?), dass unsere sechzehn deutschen Länder-Bildungssysteme insgesamt eine Effizienz erreichen, die ungefähr einem Sechzehntel von dem entspricht, was ein einziges Bundes-Bildungssystem – kompakt, gerecht, aus einem Guss – leisten könnte.

Diese zig Millionen Eltern/Abiturienten/Studenten sind alle wahlberechtigt im Wahljahr 2017. Aber nichts passiert. Schweigen der Lämmer. Diese Lämmer haben genug zu tun mit Burka-Gedöns und drohendem Korea-Nuklearkrieg. Tut mir leid, Freunde, aber ich lasse mich nicht so schnell ablenken. Ich stelle die Frage: Welche deutsche Partei fordert in ihrem Wahlprogramm ein Ende des Bildungsföderalismus?

Es wird sie wohl noch weitere 68 Jahre geben – die Kulturhoheit der Länder, diesen Unforced Error in unserer Verfassung, der immer mehr Milliarden verschlingt und immer weniger Bildungsgerechtigkeit schafft.

Auch der aktuelle SPIEGEL-Titel „Glücksspiel ABITUR“ wird daran nichts ändern. Zu viele Lämmer. Keine Partei hat den Mumm, sich mit dem Kartell der Bildungsbeamten und Schulbürokraten anzulegen. Was für jedes Spielkasino gilt, ist auch die Regel Nr. 1 im Bildungs-Roulette:

Die Bank gewinnt immer.

Na, dann weiterhin viel Spaß beim Spielen. Und beim Schweigen.

 

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Offener Brief an Martin Schulz

Bad Neuenahr, 24. April 2017

 

1. Warum ich in die SPD eingetreten bin

2. Königsweg statt Abiturwahn (FOCUS-Online: „Kostenlose Bildung. Schulz-Plan würde Deutschland fünf Milliarden im Jahr kosten“, 14.04.2017)

 

Lieber Martin,

vor gut sieben Wochen bin ich zusammen mit meiner Frau in die SPD eingetreten. Für mich war es kein Neubeginn. In der Willy-Brandt-Zeit war ich Juso-Chef in Bergheim/Erft. Irgendwann bin ich aus der SPD ausgetreten. Es war nicht mehr meine Partei.

Dass ich jetzt wieder mitmache, hat in erster Linie etwas mit Dir zu tun. Aber auch damit, dass mein Vater Sozialdemokrat war, ebenso mein Großvater Kaspar Scheurer, der vor fast hundert Jahren als Kölner Fabrikarbeiter in Berlin dabei war, als Philipp Scheidemann die deutsche Republik ausrief.

Und nun zur aktuellen Lage. Die SPD steht für Gerechtigkeit – das ist der Kern Deiner Botschaft. Aber „kostenlose Bildung“ von der Kita bis zur Uni (laut FOCUS, 14.04.2017) – das ist nicht gerecht, das ist Mumpitz. Gebührenfreie Kitas sind für mich in Ordnung. Aber die Kosten bleiben; für sie kommt dann halt der Steuerzahler auf, wie bei den Schulen und Unis. Für 11 Millio­nen Schüler und mittlerweile fast 3 Millionen (!) Studie­rende sind rund 100 Milliar­den Euro jährlich zu erwirtschaften – auch z. B. von Zwanzigjährigen, die nicht von Beruf Schüler sind, sondern Tischler oder Metallbauer. Solche Leute mit Gesellenbrief führe ich als Mathematiklehrer in neun Monaten (!) zum Fachabitur. Von allen Schülern und Studenten, die ich je unterrichtet habe, sind sie die besten – menschlich und fachlich.

Du bist diesen Königsweg gegangen, Martin: früher Einstieg ins Berufsleben und dann gezielte Fortbildung – über IHK oder Fachoberschule / Hochschule. Ich wünsche mir eine SPD, die den Abiturwahn been­det und dadurch 15 Milliarden Euro pro Jahr einspart, statt weitere Milliarden zu ver­geuden für Langzeitschüler, die mit zwanzig immer noch nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können. Einen Teil des Ersparten könnte man sinnvoll reinvestieren. Wie das zu machen ist, steht in meinem Buch „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“. Ein Exemplar davon müsste inzwi­schen bei Dir gelandet sein. Da Du momentan wenig Zeit hast: Auf YouTube gibt’s eine Kurzfassung.

Herzliche Grüße aus Bad Neuenahr

Bernhard

 

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Bertrand Russell: Denken ist umstürzlerisch

Vor ein paar Tagen stieß ich auf das folgende Zitat, das seit vielen Jahren zu meiner Sammlung von Sprüchen und Aphorismen gehört:

Die Menschen fürchten das Denken wie nichts anderes in der Welt. Denken ist umstürzlerisch und revolutionär, zerstörend und erschreckend, erbarmungslos gegen Privilegien, festgesetzte Institutionen und bequeme Gebräuche.

Worte wie in Marmor gemeißelt. Der Autor ist kein geringerer als Bertrand Russell, einer der größten Denker des vorigen Jahrhunderts. Er liebte die Philosophie, die Logik, die Mathematik. Und letzteres bedeutet – was nur wenigen bekannt ist – wörtlich übersetzt: die Kunst des Lernens oder das Handwerk der Wissenschaft.

Russell hat sich unter anderem auch intensiv mit Politik und Pädagogik beschäftigt:

Freies Fragen wird verhindert werden, solange es Ziel der Erziehung ist, Überzeugungen statt Denken hervorzubringen.

Zum Abschluss eines meiner Lieblingszitate zum Thema Erziehung:

Die meisten Anstrengungen der Eltern, ihren Kindern gute Manieren beizubringen, scheitern daran, dass die Kinder in einem natürlichen Trieb alles nachmachen, was sie ihre Eltern tun sehen.

 

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„Königsweg“ – ein Begriff setzt sich durch.

Heute möchte ich mich einmal bedanken – bei all denen, die mich zitieren. Sei es bewusst oder unbewusst, sei es mit oder ohne Quellenangabe :-).

Juristisch ist alles ganz einfach: Wörter wie Projektintelligenz, Projektfähigkeit, Projektmensch oder Projektarchetypen – alles Begriffe, die ich mir vor Jahren für ein Buch oder einen Artikel ausgedacht habe – lassen sich nicht schützen.

Ich sehe es mit heiterer Gelassenheit, dass ich hier und da „beklaut“ werde. Bekanntlich werden selten Dinge gestohlen, die ohne Wert sind. Auch wenn ich ohne Nennung meines Namens oder falsch zitiert werde, bleibe ich ziemlich entspannt, solange es nicht unter die Gürtellinie geht. Und bei „Abiturwahn“ beispielsweise – von mir im Untertitel von „Zu viel Schule“ verwendet – wüsste ich selbst nicht, wen ich als Urheber angeben sollte.

Besonders erfreulich finde ich, dass in letzter Zeit der altbekannte Begriff „Königsweg“ immer häufiger so verwendet wird, wie ich es seit mehr als fünf Jahren tue: als Bezeichnung für den

frühzeitigen Abschluss einer dualen Berufsausbildung – vor dem Studium oder sogar vor dem Abitur.

Also, nochmals herzlichen Dank an alle Autor_innen, Schulleiter_innen (insbesondere BK Hennef sowie BBS Bad Neuenahr) und Bildungsfachleute. Auf dass der Königsweg-Begriff in immer mehr Köpfen verankert werde. Nur so kann eine neue Sicht der Dinge entstehen. Und vielleicht irgendwann ein besseres, Schüler-gerechteres Bildungssystem in Deutschland.

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Europa – ein Projekt? Ein Traum? Ausgeträumt?

Die flammende Rede eines Spaniers im EU-Parlament

 

Die Briten haben gerade den Brexit beantragt. Und der spanische Rechtsanwalt und EU-Abgeordnete Esteban González Pons hält ein großartiges Plädoyer für den Zusammenhalt Europas.

Der Mann braucht nicht mehr als 95 Sekunden, um gnadenlos abzurechnen mit Brexit-Fanatikern, Trumps Mauer und Putins Panzern. Er erinnert an Churchill – an Blut, Schweiß und Tränen, die es manchmal braucht, um die Freiheit gegen Terror und Diktatur zu verteidigen.

Ich musste mit den Tränen kämpfen, als ich das Video dieser Rede sah. Denn wir haben nach 1989 eine einmalige Chance vergeben. Es reicht nicht, zu träumen. Aus dem Traum vom wiedervereinigten Europa hätten wir ein echtes Projekt machen müssen! Projektziel: Gründung eines Bundesstaats Mitteleuropa als Teil des EU-Staatenbundes.

Auf Spiegel TV finden Sie das Video der Pons-Rede. Es sollte an allen Schulen Europas im Politik-Unterricht gezeigt werden. 95 Sekunden Inspiration, eineinhalb Minuten für das freie Europa.

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In Zukunft: Zehn Jahre Schüler, dann Azubi oder Student (!) am Kolleg

Nachtrag zu: „Vom Niedergang …“ (25.3.2017)

 

Der Artikel vom 25. März schloss mit meiner Kritik an Frau Prof. Kristina Reiss, die sinngemäß sagt: Es ist nicht Aufgabe der Schule, den Hochschulen studierfähige Abiturienten zu übergeben.

Meine Entgegnung im besagten Artikel war:

Ja, was denn sonst ist Sinn und Zweck des Abiturs?

Ergänzend sagte ich: „Jedenfalls, solange es keine Aufnahmeprüfungen an jeder Hochschule für jeden Studiengang gibt“. Mit anderen Worten:

Entweder bedeutet „Zeugnis der Hochschulreife“ wirklich „reif für die Uni“ oder das Abitur ist nur ein Schulabschluss und der Abiturient muss sich durch Bestehen einer Aufnahmeprüfung fürs Hochschul-Studium qualifizieren.

Aber es gibt einen dritten Weg, den ich in meinem Buch „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“ vorschlage:

Abkoppeln der Sekundarstufe II von den Gymnasien/Gesamtschulen
(wie bereits bei Fachoberschulen, Berufs- und Abendgymnasien praktiziert)

und Implementieren selbständiger Kollegs.

Für alle, die meine 29 Thesen noch nicht kennen, hier die Kurzfassung:

  • Zehn Jahre Nonstop-Schule sind genug. Mit 17 oder 18 ist man kein Kind mehr. Folglich auch kein „Schüler“.
  • Entweder man wird Azubi und hat mit dem Berufsabschluss die Zulassung zum Studium (!) an einem Berufskolleg (Ziel: Hochschulreife)
  • oder man schafft die Aufnahmeprüfung (!) an einem Studienkolleg (Ziel: ebenfalls Hochschulreife) und macht anschließend eine verkürzte duale Berufsausbildung.

Nach diesem Modell ist jeder Achtzehnjährige ein Azubi oder Kollegstudent und wird mit „Sie“ angeredet. Mit Anfang zwanzig hat jeder einen Berufsabschluss (–> Königsweg), erst danach kommt wahlweise das Hochschulstudium, ohne Aufnahmeprüfung.

Allerdings gibt es eine solche Prüfung vor dem Einstieg ins Studienkolleg (s. o.) – für alle, die sich den „Durchmarsch“ von der ersten Klasse bis zum Abi zutrauen (was zur Zeit leider von jedem armen Teenager-Schnuffi erwartet wird, mit oft fatalen Folgen: Frust, Burnout, Depression …).

Weitere Details finden Sie in meinem Buch.

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Hallo, Väter und Mütter aller Vierzehnjährigen!

Junge Menschen auf dem Königsweg …

 

… werden heute auf Bild.de vorgestellt. Die Auswahl der Azubis ist sicher nicht repräsentativ. Wie soll das auch gehen bei 328 Ausbildungsberufen? Aber vielfältig und informativ ist diese Sammlung von Kurzporträts.

Es geht los mit dem 21jährigen Luca Sammartano, der seine Tischlerlehre verkürzen will, um seinen „Eltern nicht länger als nötig auf der Tasche“ zu liegen. Es geht weiter mit Elli Schneider (26), die nach ihrem Germanistik-Bachelor (!) eine Krankenpflege-Ausbildung angefangen hat – streng genommen kein Königsweg, aber gelingendes Leben heißt eben nicht: immer geradeaus, sondern ab und zu innehalten und einen Neubeginn wagen.

Und dann die Fahrzeuglackiererin Johanna Kaiser (19), die sich mit vierzehn Jahren für den Königsweg entschieden hat und sagt:

Man sieht sofort, was man gemacht hat – aus Alt wird Neu oder aus kaputt wieder ganz. Das motiviert. (…) Es lohnt sich, einen Beruf zu ergreifen, der einem wirklich liegt.
In unserer Werkstatt bin ich die einzige Frau. (…) Ich bin Hessenmeisterin im Fahrzeuglackieren, habe beim Bundesausscheid den 4. Platz belegt. Nun hoffe ich, dass ich Deutschland demnächst bei der Berufe-WM in Abu Dhabi vertreten darf.

Aber warum schauen Sie – statt Tochter oder Sohn stur auf Abi und Studium zu trimmen – nicht einfach mal rein in den Artikel?

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Vom Niedergang des Mathematikunterrichts in Deutschland

„Der Aufstand der Mathelehrer“ – unter dieser Überschrift …

 

… berichtete vor ein paar Tagen der TAGESSPIEGEL von einem offenen Brief, mit dem sich ca. 130 Mathematikdozenten an führende deutsche Bildungsforscher und -politiker gewendet hatten.

In diesem „Brandbrief“ heißt es unter anderem:

Den Studienanfängern fehlen Mathematikkenntnisse aus dem Mittelstufenstoff, sogar schon Bruchrechnung (!), Potenz- und Wurzelrechnung (…)

Der Mathematikstoff wird nur noch oberflächlich vermittelt (…) Man sieht viel Text und bunte Bilder, aber keinen roten Faden mehr (…)

Der Kritik der 130 Hochschullehrer wird von einigen der Adressaten widersprochen. Ihre Einwände sind teils berechtigt, teils fadenscheinig. An der folgenden – im besagten Artikel erwähnten – Tatsache z. B. kommt keiner vorbei:

Im Dezember wurde bei einer Mathe-Klausur für Zwölftklässler in Hamburg eine Durchschnittsnote von 3,9 erzielt. Auf Anordnung von Schulsenator Ties Rabe wurden anschließend die Zensuren um eine ganze Note angehoben.

Kein Kommentar. Und nun die Pointe: Kristina Reiss, Professorin für Mathematikdidaktik an der TU München und Projektmanagerin der Pisa-Studie, tritt den Kritikern des gegenwärtigen Mathematik-Unterrichts mit folgendem Statement entgegen:

„Es ist ein fundamentales Missverständnis, dass die Schule die Schüler studierfertig abzuliefern hat“.

Was meint Frau Reiss mit „studierfertig“? Mit dem Studieren fertig sein kann ein Abiturient sicher nicht; er fängt doch gerade erst an.

Meint sie „studierfähig“? Dann sage ich: Ja, was denn sonst ist Sinn und Zweck des Abiturs? Jedenfalls, solange es keine Aufnahmeprüfungen an jeder Hochschule für jeden Studiengang gibt.

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Schön, Frau Merkel, America first. Und was ist mit Deutschland?

Ob Angela Merkel mein letztes Buch gelesen hat? Ich weiß es nicht. Aber so viel steht fest: Wer „Zu viel Schule“ in seinem Bücherregal hat, findet im Kapitel „Früher Einstieg ins Berufsleben“ den Hinweis, dass Barack Obama 2015 in einer Ansprache zur Lage der Nation die deutsche duale Berufsausbildung wegen ihrer großen Praxisnähe gepriesen hat.

Johanna Wanka, unsere Bundesbildungsministerin, hat mein Buch im Regal. Ich habe es ihr im Dezember auf ihre Bitte hin zugeschickt. Vielleicht hat sie der Kanzlerin kürzlich davon erzählt – von Obamas Rede und der Tatsache, dass es in den USA keine Berufsausbildung gibt. Denn am kommenden Dienstag, so wird heute in der FAS berichtet, will Frau Merkel Herrn Trump den besonderen Wert deutscher Gesellenbriefe und IHK-Abschlüsse erläutern.

Prima. Aber was ist mit Deutschland? Wann erklärt die Kanzlerin endlich den Eltern unserer 11 Millionen Schülerinnen und Schüler, wie wertvoll ein solcher Berufsabschluss ist? Und wie meschugge, dass schon I-Dötzchen auf Abitur uns Studium getrimmt werden? Vor einigen Tagen sah ich mir die Sendung „Markt“ auf WDR3 an, Thema: Abiturwahn. Eltern von schulpflichtigen Kindern, die treuherzig in die Kamera blickten und meinten: Ohne Abitur hat mein Kind doch keine Chance. Und dann Frau Löhrmann, die NRW-Schulministerin: Jedes Kind hat bei uns die Möglichkeit … blabla.

Ich muss gestehen, ich kann das alles nicht mehr hören. Es ödet mich an. Ein Irrweg – die 16spurige Autobahn zum Abitur – wird nicht dadurch zum Königsweg, dass man den jungen Leuten immer wieder predigt, dieser Weg sei „alternativlos“. Für Katholiken: der allein seligmachende.

Aber was Frau Löhrmann und all die anderen Hohepriester des „Abi für alle“ können, kann ich auch. Ab sofort werde ich gebetsmühlenartig bei jeder sich bietenden Gelegenheit mein neues Bildungs-Mantra wiederholen:

Zulassung zum Studium nur mit Abitur/Fachabitur
und (!) dualer Berufsausbildung.

Durch diese eine Maßnahme könnten wir endlich dem Abiturwahn den Stecker rausziehen. Den Spieß umdrehen! Unsere Handwerks-, Handels- und Industriebetriebe müssten nicht händeringend nach motivierten, fähigen Bewerbern für ihre Azubi-Stellen suchen – die Mädels und Jungs würden ihnen die Bude einrennen. Vor allem die, die ein Studium anstreben. Und unsere Studienanfänger wären ab sofort keine verwöhnten „alten Kinder“ mehr, sondern junge Erwachsene, die nicht gleich ihr Studium abbrechen, wenn nicht alles nach Wunsch läuft.

Frau Wanka, das habe ich bereits in „Zu viel Schule“ erwähnt, ist eine kluge, besonnene Frau mit vernünftigen Ideen. Zusammen mit Andrea Nahles, mit Handwerkskammern und IHKs plant und realisiert sie seit Jahren interessante Bildungsprojekte in Richtung: Gleichwertigkeit von Berufs- und Schulbildung. Aber die Macht in puncto Schule liegt nicht bei Johanna Wanka, sondern bei den 16 Landesregierungen. Das sagt das Grundgesetz. Noch.

Schade. Arme Joanna Lackland, Johanna Ohneland.

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Erst Azubi, dann zur Uni – Königsweg auch für künftige Ärzte

Statt Numerus Clausus und Männerquote (!):
Krankenpflege-Ausbildung vor dem Medizinstudium.

 

Die Frankfurter Allgemeine bringt heute einen Gastbeitrag von Jürgen Freyschmidt. Überschrift: „Wir brauchen eine Männerquote für Ärzte“.

Jedem, der hier Sexismus wittert, rate ich, sorgfältig den FAZ-Artikel zu lesen. Denn erstens ist der Autor vom Fach: Radiologe, ehemaliger Professor und Chefarzt. Zweitens macht er seine provozierenden Vorschläge, weil es tatsächlich großen Leidensdruck bei den Medizinern gibt. Ich zitiere:

Etwa 65 Prozent aller zum Medizinstudium Zugelassenen sind Frauen. Davon brechen viele das Studium ab oder üben nach erfolgreichem Staatsexamen ihren Beruf nicht aus …

Weiter heißt es:

Für die Feminisierung des Medizinstudiums gibt es eine ganz einfache Erklärung: 70 Prozent der Frauen haben eine bessere Abiturnote als Männer. Doch bedeutet eine Durchschnittsabiturnote um 1 nun, dass der Kandidat oder die Kandidatin geeigneter für den ärztlichen Beruf ist als Kandidaten mit einer Durchschnittsnote von 2 oder mehr?

Damit sind wir schlagartig wieder beim Thema Abiturwahn. Aus meiner Sicht ist weder der Numerus Clausus noch eine Männerquote der richtige Weg. Zwei gute Lösungsansätze werden in dem FAZ-Artikel erwähnt: Eignungstests für den Arztberuf sowie „ein Krankenpflegepraktikum von bis zu acht Monaten“.

Aber warum machen wir nicht Nägel mit Köpfen? Nämlich:

Zulassung zum Medizinstudium nur mit Abitur plus
abgeschlossener Krankenpflege-Ausbildung.

Das Universitätsstudium für Mediziner könnte man dann entsprechend straffen, weil jeder Studienanfänger schon solide medizinische Vorkenntnisse mitbrächte. Und am Ende gäbe es vermutlich mehr qualifizierte Ärztinnen und Ärzte und weniger Studien- bzw. Berufs-Abbrecher.

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Kommentar zu: Du, glückliches Finnland …

Die Kommentarfunktion auf dieser Blog-Seite funktioniert zur Zeit offensichtlich nicht; der Fehler wird so bald wie möglich behoben, ich bitte um Nachsicht.

Den folgenden Kommentar, den ich per E-Mail erhielt, veröffentliche ich deshalb auf diesem Wege.

 

Hallo Herr Scheurer,

Sie haben schon geahnt, dass es auf diesen Post einen Kommentar geben wird, wie ich den vorbeugenden Formulierungen entnehme :-).

Ich habe keine Kenntnisse über das finnische Schulsystem aus eigener Anschauung, sondern nur aus Berichten, Reportagen, Filmen usw. M.E. ist die Frage, wie man den Erfolg eines Schulsystems misst.

Das finnische Schulwunder-Land gewinnt jedenfalls – das ist unbestritten – viele internationale Schul-Vergleichstests, insbesondere PISA (wobei sie zuletzt doch ziemlich abrutschten und die asiatischen Drill-Schulen aufsteigen).

Was weiß man über Finnland und seine Jugendlichen sonst noch? Eine ganze Menge, da viele OECD-Vergleichsdaten vorliegen. Und die besagen, dass finnische Jugendliche

– sich vergleichsweise schlecht ernähren,
– überdurchschnittlich viel rauchen und Alkohol konsumieren,
– eine hohe Selbstmordrate aufweisen,
– eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit haben,
– zu über 95 % Abitur machen, wovon aber noch nicht einmal die Hälfte einen Hochschulabschluss erreicht.

Die Frage ist also, woran misst man den Erfolg eines Schulsystems?

Erschwerend kommt für mich hinzu, dass seit mit dem Niedergang von NOKIA keine international bekannte finnische Firma mehr existiert. Und das bei diesen Top-Schulabsolventen.  Außerdem, so heißt es, hat Finnland anders als Deutschland kaum Migranten, die das dt. Schulsystem natürlich einen erheblichen Stresstest unterziehen, der seinesgleichen sucht.

Mit besten Grüßen aus Bayern

Alois

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Er ist wieder da – der Genosse Trend.

Totgesagte leben länger. Zumindest in den Köpfen der Menschen. Timur Vermes hat aus dieser Erfahrungstatsache eine beängstigend-makabre Fiktion entwickelt: In seinem Roman „Er ist wieder da“ lässt er Adolf Hitler im Jahr 2011 in Berlin wiederauferstehen. Überraschend war für mich nicht zuletzt der Erfolg des Buchs in Israel.

Überraschend, wenn nicht beängstigend ist zur Zeit für CDU/CSU, AfD und einige andere die Performance von „Sankt Martin“ Schulz. Die aktuellen Umfragewerte sind phänomenal. Und – wen wundert’s noch? – nicht einer von hundert promovierten Politologen und Demoskopen hat diese Entwicklung vorausgesagt. „Von Wechselstimmung kann keine Rede sein“, hieß es noch vor kurzem. Oder: „Der kurzfristige Aufwärtstrend wird nicht lange anhalten“.

Auf Wikipedia findet man unter „Genosse Trend“ interessante Zahlen aus den Sechzigerjahren. Der entscheidende Satz lautet: „Das Phänomen endete in den 1970er Jahren“. Ein Wort fehlt in dem Satz: vorerst. Denn jetzt ist er plötzlich wieder da, der alte Herr. Und bringt Stimmung in die Bude der deutschen Parteienlandschaft, die bis vor kurzem noch ziemlich starr wirkte.

Nur eins ist kurzweiliger als Sensations-Statistiken: Die Menschen, die sie erstellen, interpretieren, verniedlichen oder dramatisieren, je nach Bedarf.

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Du, glückliches Finnland, machst es besser …

… mit deinem Schulsystem. Weiterschlafen mögen andere.

 

Ja, die Finnen machen es besser. Das ist durch zahlreiche Forschungsstudien belegt. Sie haben nicht – wie böse Schlafmützen-Zungen behaupten – nur dieses Image. Sie haben ein weitaus besseres Schulsystem als wir.

Heute ist zu diesem Thema ein neuer SPIEGEL-Artikel erschienen. Titel: „Am deutschen Schulsystem verzweifelt. Letzter Ausweg Finnland“. Kristin Haug berichtet darin über den zehnjährigen Sohn finnisch-deutscher Eltern, der an mehreren deutschen Schulen scheitert, weil er als hochsensibles Kind das Chaos, die Lautstärke und den Schlendrian in deutschen Klassenzimmern nicht ertragen kann. Er ist anders als die „normalen“ Kinder, deshalb wird er gehänselt. Irgendwann schlägt man ihm einen Zahn aus dem Mund. Und die Lehrerin ist „völlig überfordert“.

In ihrer Verzweiflung entschließen sich die Eltern, den Jungen in einer finnischen Schule anzumelden, obwohl die Familie nach wie vor in Deutschland lebt und in Finnland nur ein Ferienhaus besitzt.

Interessant ist unter anderem die folgende Passage in dem Artikel von Frau Haug:

Es ist schwierig herauszufinden, wie die betroffenen Schulen die Sache sehen. Die Eltern wollen nicht, dass dort jemand nachfragt, weil sie Konsequenzen fürchten.

Genau das erlebe ich seit Erscheinen meines Buchs „Zu viel Schule“, in dem ich die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem finnischen Schulsystem gründlich durchleuchtet habe. Die Schotten werden dicht gemacht, bei Lehrern, Schulleitern und Eltern – sobald jemand das System in Frage stellt.

Vielleicht lesen Sie selbst einmal den kompletten Artikel und bilden sich dann Ihr Urteil.

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