Als mein Patenonkel, von dem ich meinen zweiten Vornamen geerbt habe, in den 50er Jahren nach Australien auswanderte, sprach er etwa 20 Wörter Englisch. Matthias Komp, von seinen Bonner Freunden “Matthes” genannt, hat im Laufe der Jahre nicht nur seinen Englisch-Wortschatz, sondern auch sein Vermögen deutlich aufgestockt. Aber noch heute, mit über achtzig Jahren, muss er sich die Frotzeleien seiner Söhne und Schwiegersöhne anhören, wenn es um seine skurrilen Wort-Neuschöpfungen geht. Beliebtes Beispiel: Happy birdsday!
Dass ein Geburtstag bisweilen mit Vögeln assoziiert wird, wissen wir seit Marilyn Monroes Ständchen zu Ehren von John F. Kennedy im Jahr 1962. Die Schauspielerin trug bei ihrer Performance ein hautenges fleischfarbenes Kleid, darunter nichts, auch wenn man das im entsprechenden Youtube-Video nicht unbedingt erkennen kann. Sie trug ihren Song betont schlüpfrig vor, was auch heute noch unschwer nachzuvollziehen ist. Anschließend verbreitete sich das Gerücht, der Präsident habe eine Affäre mit der Schauspielerin gehabt. Nur etwa zwei Monate nach der besagten Geburtstagsfeier starb die Monroe an einer Überdosis von Barbituraten; danach gab es Spekulationen, die Todesursache sei nicht etwa Suizid gewesen, sondern der CIA habe die Sache erledigt. Die Vermutungen sind bis heute nicht bewiesen, aber feststeht: John F. Kennedy war ein herausragender Präsident. Er war ein Adler.
Christian Wulff erinnert in diesen Tagen eher an einen zerzausten Zeisig. Bei allem, was wir seit Wochen von ihm und über ihn hören, ist nichts wirklich Kriminelles, aber eben auch nichts Herausragendes. Schon in der Zeit vor dem ganzen Medienrummel ging’s ja eher bieder und kleinkariert als großartig zu. Und genau das ist das Problem.
All die Details über Einfamilienhäuschen-Darlehen, Ferienaufenthalte, Oktoberfest- und Partybesuche – wen interessiert diese Ansammlung von Peinlichkeiten inzwischen noch? Was die Mehrzahl der Bürger unseres Landes sich sehnlichst wünscht, ist ein Präsident, der für sein – aus Sicht des Durchschnittsbürgers – außerordentliches Gehalt wenigstens einen ordentlichen Job macht.
Woran werden wir in fünf oder zehn Jahren denken, wenn der Name “Christian Wulff” fällt? An welche Reden, Ideen, Impulse? An welches Projekt?
Herr Wulff hat nie ein Projekt gehabt. Er kennt nur Leute, die Projekte machen. Maschmeyer und Ferres zum Beispiel. Herr Wulff hat immer nur viele kleine Karriereschritte getan, aber nie ein großes Ziel im Auge gehabt.
Ich weiß, es ist unfair, Wulff mit Kennedy zu vergleichen, die beiden Ämter sind zu verschieden. Aber wie wäre es mit Theodor Heuss? Eine authentische und sehr persönlich gefärbte Schilderung von “Papa Heuss” finden Sie in der FAZ unter dem Titel “Mein Bundespräsident“. Der Artikel hat bei mir viele Erinnerungen geweckt und eine akute Melancholie ausgelöst. Ich hoffe, die Sache ist bald ausgestanden.
———————————-
Foto: Wikimedia