Philipp Lahm, Projektphilosoph

oder: Die Unerbittlichkeit der Deadline

Die ZEIT bringt heute einen Artikel, in welchem der bisherige Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft die Gründe für seinen Rücktritt von diesem Amt darlegt. Bemerkenswert sind zunächst einmal die zahlreichen Kommentare von ZEIT-ONLINE-Lesern. Viele dieser „Stellungnahmen“, natürlich überwiegend unter Pseudonym veröffentlicht, strotzen vor Neid, Häme und Spitzfindigkeiten.

Nur wenige Kommentatoren nehmen wirklich Stellung zum Original-Lahm-Text, die meisten scheinen sich weder für den Menschen Philipp Lahm noch für Fußball zu interessieren, sondern für Geld, Ruhm und ein wunderschönes Leben ohne Arbeit – offensichtlich haben einige übersehen, dass Lahm keineswegs die Fußballstiefel an den Nagel hängt, sondern noch einige Zeit als Kapitän des FC Bayern weitermachen will.

Und so verwundert es nicht, dass diese anonymen „Publizisten“ – feige, kleinkariert und materialistisch wie sie sind – dieselbe mickrige Einstellung zum Leben auch dem Fußballer und Multimillionär Lahm unterstellen.

Wie viele andere Fußballfans in unserem Land, die sich lieber erstklassige Länderspiele anschauen als drittklassige Online-Kommentare zu verfassen, halte ich Philipp Lahm für einen klugen und stets teamorientierten Ausnahmefußballer, der zudem ein außergewöhnlicher Mensch ist. Denn er hat mit dreißig Jahren erkannt, was viele auch mit achtzig nicht begreifen:

  • Ein Menschenleben besteht aus Projekten. Auch aus den niemals begonnenen.
  • Jedes Projekt – ob du Fußballweltmeister oder Bäckermeister werden willst – ist ein Projekt, weil es irgendwann zu Ende ist. Die Deadline ist unerbittlich.
  • Irgendwann machst du dein letztes Projekt. Auch dein Leben hat eine Deadline – wie das eines Hamsters, einer Eintagsfliege oder eines Mammutbaums.
  • Besser als immer nur abzuwarten, ist es, die „Hoheit über sein Leben“ zu gewinnen, „das heißt: Entscheidungen treffen, bevor sie mich einholen“ (Zitat / P. Lahm).

Interessant ist auch, dass nach Lahms eigener Einschätzung „das verlorene Finale in der Champions League vor zwei Jahren mit den Bayern gegen Chelsea ein Knackpunkt in seiner Karriere“ war. Er habe eines seiner besten Spiele gemacht an diesem Tag, „aber es hat trotzdem nicht gereicht“. Das heißt, zur tiefsten Erkenntnis kommst du in deinen bittersten Momenten. Das kann helfen, in der Stunde des größten Triumphs – nicht abheben, auch nicht einfach weitermachen wie bisher … Entscheidungen treffen.

Philipp Lahm ist ein Mensch, der gern und oft Projekte macht und der intensiv darüber nachdenkt – über Erfolg und Niederlage, Teamgeist und Eigenverantwortung, Tapferkeit und Mitgefühl. Ohne Zweifel ein Projektphilosoph.

 

This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


6 + = 10