Ein Vater, drei Söhne, ein Hahn, eine Henne

Kleine Einführung in den Radikalen Konstruktivismus

 

Ein Tag vor Silvester – der richtige Zeitpunkt für eine Vorweihnachtsgeschichte.

Ein Bauer fragt seine drei Söhne, was sie sich zu Weihnachten wünschen. Der Älteste ist als erster dran und sagt: „Ein Moped“. Darauf der Bauer: „Zu teuer; solange wir unseren neuen Mähdrescher nicht abbezahlt haben, gibt es kein Moped für dich“. Nun ist der mittlere Sohn an der Reihe. Er wünscht sich ein Mountainbike. Aber auch sein Wunsch wird abgeschmettert: „Solange der neue Mähdrescher nicht abbezahlt ist, gibt’s kein Mountainbike. Gleiches Recht für alle.“ Nun fragt der Vater den Kleinsten: „Na, Andreas, was wünschst du dir denn?“. „Ein Dreirad“. „Tut mir leid. Gleiches Recht für alle.“ Der kleine Andreas ist untröstlich, geht hinaus auf den Hof und kickt ärgerlich den ersten Stein, den er sieht, mit voller Wucht über den Zaun. Da sieht er den Hahn, der kurz zuvor eine Henne bestiegen hat. Andreas hat gerade einen guten Lauf. Er verpasst dem Hahn einen kräftigen Tritt ins Hinterteil und ruft ihm hinterher: „Solange der neue Mähdrescher nicht abbezahlt ist, musst du auch zu Fuß gehen. Gleiches Recht für alle“.

Wer die kleine Geschichte hört oder liest, versetzt sich unwillkürlich in die Lage des Jüngsten. Er ist der Hauptdarsteller, und seine Gefühle und sein Handeln sind absolut schlüssig und nachvollziehbar. Was weiß Andreas schon von Bankkrediten und den Fortbewegungsmitteln der Hähne?

Sich in die Lage des Bauern oder der beiden älteren Söhne zu versetzen, ist nicht besonders aufregend. Witzlos. Aber stellen Sie sich vor, Sie sind der Hahn. Wie soll er sich einen Reim auf die Sache machen? Die Sprache der Menschen versteht er nicht. Und dann die Henne! Wie würden Sie an Ihrer Stelle das Ganze wahrnehmen? Dieser unvermittelte Interruptus … auch wenn der Hahn Ihnen im Wegfliegen noch zuruft „Henriette, es hat nichts mit dir zu tun“, wie sollen Sie das alles einordnen?

Spätestens jetzt wird Ihnen klar, mit Wirklichkeit und Wahrheit ist es nicht so einfach. Heinz von Foerster hat es so formuliert: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“.

***

Abschließend nun eine streng wissenschaftliche Darstellung von Paul Watzlawick, die wir in seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ finden:

Wohl alle Psychologiestudenten kennen den alten Witz von der Laborratte, die einer anderen Ratte das Verhalten des Versuchsleiters mit den Worten erklärt: »Ich habe diesen Mann so trainiert, dass er mir jedes Mal Futter gibt, wenn ich diesen Hebel drücke.« Damit beweist die Ratte, dass sie in derselben Reiz-Reaktionsfolge eine andere Gesetzmäßigkeit sieht als der Versuchsleiter: Für ihn ist der Hebeldruck der Ratte eine von ihr erlernte Reaktion auf einen von ihm unmittelbar vorher gegebenen Reiz; wie aber die Ratte die Wirklichkeit sieht, ist ihr Hebeldruck ein Reiz, den sie dem Versuchsleiter erteilt, worauf er mit dem Geben von Futter als erlernter Reaktion antwortet usw. Obwohl beide also dieselben Tatsachen sehen, schreiben sie ihnen zwei sehr verschiedene Bedeutungen zu und erleben sie daher buchstäblich als zwei verschiedene Wirklichkeiten.

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