Offener Brief an die Bundesbildungsministerin und den Präsidenten des Zentralverbands des Deutschen Handwerks

Bad Neuenahr, 6. November 2016

Liebe Frau Professor Wanka,
lieber Herr Wollseifer!

Vor ein paar Tagen haben Sie, Herr Wollseifer, laut Bericht des Kölner Stadtanzeigers beim „Politischen Forum“ der Kölner Handwerkskammer beklagt, das gesamte Bildungssystem sei zu sehr auf ein späteres Studium fokussiert. Ein Satz, den ich als Lehrer und Hochschuldozent sowie als Vater von vier Kindern voll unterstreichen kann.

Demgegenüber haben Sie, Frau Wanka, eine Lanze für die „zunehmende Akademisierung“ gebrochen. Aber, mit Verlaub, wir haben überhaupt keine zunehmende Akademisierung in Deutschland. Was wir erleben, ist eine Zunahme von Pseudo-Abitur und pseudo-akademischen Abschlüssen. Wenn heute 60% eines Jahrgangs ein Studium beginnen, davon jedoch gemäß Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung 75% nicht studierfähig sind, dann bleiben unter dem Strich nur 15% „echte“ Abiturienten. Ein geringerer Bevölkerungsanteil als vor fünfzig Jahren! Aus unserem Bildungssystem ist längst ein Einbildungs-System geworden. Unsere Abiturienten können keinen Nagel in die Wand schlagen, und simples Prozentrechnen und Rechtschreibung schaffen sie auch nicht. Sie haben Probleme mit der Welt und mit sich selbst.

Somit finde ich es fatal, wenn „Abitur für alle“, das lächerliche Motto der Neunzigerjahre, im Jahr 2016 noch den Segen der Bundesbildungsministerin erhält. Es betrübt mich umso mehr, als ich Sie, liebe Frau Wanka, noch vor kurzem als vorbildliche Bildungspolitikerin geschildert habe – in meinem kürzlich erschienenen Buch „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“. Ich zitiere darin u. a. aus einem FOCUS-Interview (1.7.2013), wo Sie sich für mehr Persönlichkeitsentwicklung an unseren Schulen einsetzen.

Genau da sollten wir den Hebel ansetzen. Eine meiner Kernforderungen ist:

Zulassung zu einem Studium nur mit Hochschulreife
und (!) abgeschlossener betrieblicher Berufsausbildung.

Durch die Umsetzung dieser Forderung – im Grunde: das von Ihnen angestrebte „Berufsabitur“ als Pflicht – würde sich schlagartig die Lage ändern. Schüler und Eltern würden begreifen: Für ein gelingendes Leben ist das Lernen und Arbeiten in der Berufspraxis dringlicher und wichtiger als ein wissenschaftliches Studium. Die Folge: weniger Studienabbrecher, weniger Leerlauf, Burnout, Depression.

Ich weiß, die Mehrheit will so etwas im Augenblick nicht hören. Aber meine Thesen finden mehr und mehr Zuspruch. Und ich werde weiter dafür kämpfen, dass das Steuer herumgerissen wird, bevor sich – wie bei der „Flüchtlingskrise“ – diverse Populisten auf das brandgefährliche Thema Bildung stürzen.

Falls Sie Interesse an „Zu viel Schule“ haben, lasse ich Ihnen gern ein Exemplar zukommen. Es wird mir eine Ehre sein.

 

Herzliche Grüße aus dem Ahrtal

Bernhard M. Scheurer

Köhlerhofweg 32, 53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
E-Mail: bms@bmscheurer.de

P. S.: Einen ersten Eindruck von „Zu viel Schule“ erhält man im Internet auf www.zuvielschule.de und auf www.youtube.com/channel/UCH1HgPlysxLG7BIyHDOzDOw

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