Schön, Frau Merkel, America first. Und was ist mit Deutschland?

Ob Angela Merkel mein letztes Buch gelesen hat? Ich weiß es nicht. Aber so viel steht fest: Wer „Zu viel Schule“ in seinem Bücherregal hat, findet im Kapitel „Früher Einstieg ins Berufsleben“ den Hinweis, dass Barack Obama 2015 in einer Ansprache zur Lage der Nation die deutsche duale Berufsausbildung wegen ihrer großen Praxisnähe gepriesen hat.

Johanna Wanka, unsere Bundesbildungsministerin, hat mein Buch im Regal. Ich habe es ihr im Dezember auf ihre Bitte hin zugeschickt. Vielleicht hat sie der Kanzlerin kürzlich davon erzählt – von Obamas Rede und der Tatsache, dass es in den USA keine Berufsausbildung gibt. Denn am kommenden Dienstag, so wird heute in der FAS berichtet, will Frau Merkel Herrn Trump den besonderen Wert deutscher Gesellenbriefe und IHK-Abschlüsse erläutern.

Prima. Aber was ist mit Deutschland? Wann erklärt die Kanzlerin endlich den Eltern unserer 11 Millionen Schülerinnen und Schüler, wie wertvoll ein solcher Berufsabschluss ist? Und wie meschugge, dass schon I-Dötzchen auf Abitur uns Studium getrimmt werden? Vor einigen Tagen sah ich mir die Sendung „Markt“ auf WDR3 an, Thema: Abiturwahn. Eltern von schulpflichtigen Kindern, die treuherzig in die Kamera blickten und meinten: Ohne Abitur hat mein Kind doch keine Chance. Und dann Frau Löhrmann, die NRW-Schulministerin: Jedes Kind hat bei uns die Möglichkeit … blabla.

Ich muss gestehen, ich kann das alles nicht mehr hören. Es ödet mich an. Ein Irrweg – die 16spurige Autobahn zum Abitur – wird nicht dadurch zum Königsweg, dass man den jungen Leuten immer wieder predigt, dieser Weg sei „alternativlos“. Für Katholiken: der allein seligmachende.

Aber was Frau Löhrmann und all die anderen Hohepriester des „Abi für alle“ können, kann ich auch. Ab sofort werde ich gebetsmühlenartig bei jeder sich bietenden Gelegenheit mein neues Bildungs-Mantra wiederholen:

Zulassung zum Studium nur mit Abitur/Fachabitur
und (!) dualer Berufsausbildung.

Durch diese eine Maßnahme könnten wir endlich dem Abiturwahn den Stecker rausziehen. Den Spieß umdrehen! Unsere Handwerks-, Handels- und Industriebetriebe müssten nicht händeringend nach motivierten, fähigen Bewerbern für ihre Azubi-Stellen suchen – die Mädels und Jungs würden ihnen die Bude einrennen. Vor allem die, die ein Studium anstreben. Und unsere Studienanfänger wären ab sofort keine verwöhnten „alten Kinder“ mehr, sondern junge Erwachsene, die nicht gleich ihr Studium abbrechen, wenn nicht alles nach Wunsch läuft.

Frau Wanka, das habe ich bereits in „Zu viel Schule“ erwähnt, ist eine kluge, besonnene Frau mit vernünftigen Ideen. Zusammen mit Andrea Nahles, mit Handwerkskammern und IHKs plant und realisiert sie seit Jahren interessante Bildungsprojekte in Richtung: Gleichwertigkeit von Berufs- und Schulbildung. Aber die Macht in puncto Schule liegt nicht bei Johanna Wanka, sondern bei den 16 Landesregierungen. Das sagt das Grundgesetz. Noch.

Schade. Arme Joanna Lackland, Johanna Ohneland.

This page as PDF Drucken (PDF) | Weiterempfehlen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Solve : *
23 + 21 =