Eine Schildkröte namens Gaia

Weltuntergang, Doomsday Clock, Ende der Menschheit – der ultimative Drei-Minuten-Crashkurs

 

Vor kurzem feierte die Riesenschildkröte Gaia ihren 135. Geburtstag. Es gab Erdbeeren mit Schlagsahne – Gaias Lieblingsdessert. Das Geburtstagskind war bester Laune und freute sich auf seine nächsten vierzig Lebensjahre.

Aber heute Morgen hatte der Cheftierarzt des Zoos eine schlechte Nachricht: Krebs im fortgeschrittenen Stadium. „Eine aggressive, bislang unbekannte Tumorart“, meinte der Doktor. „Nach unseren Berechnungen sind die ersten Tumorzellen erst vor etwa drei Tagen in Ihrem Körper aufgekreuzt, Gaia. Nach zwei Tagen, also gestern, waren es nicht mehr als ein paar Tausend. Aber gerade vor acht Minuten waren es bereits circa 500 Millionen, die Entwicklung geht rasant in Richtung 10 Milliarden.“

Der Veterinär sah die sanfte Trauer in Gaias Blick. „Ich kann Sie ein wenig beruhigen“, meinte er. „Von hundert Tumorzellen sind nur eine oder zwei bösartig. Naja, in der Summe sind das 50 bis 100 Millionen winzige Sausäcke in Ihrem Körper. Was aber viel entscheidender ist: Wir haben festgestellt, diese tumorösen Zellen – wir haben sie Homo sapiens getauft – scheinen ebenso intelligent wie verrückt zu sein.“

„Die Zeit zum Beispiel fließt für sie viel langsamer als für unsereins. Was für uns eine Sekunde ist, ist für die Tumorzellen ein ganzes Jahr; sie multiplizieren sozusagen die Zeit mit dem Faktor 60•60•24•365. Aus Sicht der Homo-sapiens-Zellen sind Sie eine 4,5 Milliarden Jahre alte Schildkröte.“

„Maßgebend für die Zellen ist vermutlich nur die Zeit ihrer eigenen Existenz; das sind circa 300.000 Homo-sapiens-Jahre, für Sie und mich nichts als eine Episode von drei Tagen. Und jetzt kommt’s: Diese Zellen sind in der Lage, sich selbst zu vernichten, und zwar vollständig.“

Der letzte Satz zauberte ein kleines Leuchten in Gaias Augen. Doch plötzlich begann sie, wild zu zucken und vor Schmerzen zu stöhnen. Ihr Panzer glühte. Einige Sekunden später war der Anfall vorbei. „Alles in Ordnung?“, fragte der Doktor. „Ich denke, ja“, entgegnete die große, immer noch schöne mittelalte Dame aus der Provinz Galápagos. „Wissen Sie, Doc, was sind schon drei schlechte Tage in einem großartigen Leben von mehr als hundert Jahren? Allerdings habe ich einen Wunsch: Ab sofort bitte jeden Tag Erdbeeren mit Schlagsahne“.

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