Ein Bundeskanzler ohne Abitur – warum eigentlich nicht?

Eine Frau als deutsche Kanzlerin wäre vor fünfzig Jahren undenkbar gewesen – für die meisten Bürger und Bürgerinnen (!) der damaligen Bundesrepublik. Nun steht seit vielen Jahren eine Frau an der Spitze unserer Regierung, und selbst für ihre Gegner ist das kein Thema mehr.

Seit gestern ist Martin Schulz in die Schlagzeilen gerutscht, nachdem er zum Kanzlerkandidaten der SPD ausgerufen wurde. Ein Mann, der nie das deutsche Abitur gemacht hat, wird womöglich Kanzler. Undenkbar!?

Wohlgemerkt, mir geht es hier nicht um die Frage: Union oder SPD, Frau oder Mann, große Koalition oder nicht? Sondern schlicht darum: Wann hört in Deutschland endlich der Abiturwahn auf? Der lächerliche Standesdünkel von Leuten, die außer einem sogenannten Reifezeugnis nicht viel zu bieten haben. Das eingebildete Getue und Gerede von Menschen, die sich für gebildet halten und auf jeden herabblicken, der dieses völlig überschätzte Zeugnis nicht erworben hat.

In einem Punkt bin ich mir sicher: Herr Trump wird sich ebenso wenig wie Herr Putin bei seinen Verhandlungen für akademische Grade und Titel interessieren. Geschweige denn für einen deutschen Schulabschluss, den mittlerweile auch Semi-Analphabeten schaffen – das Abi to go.

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Donald ante portas. Apokalypse Now?

Fast zwei Jahre ist es jetzt her, dass ich mich als Apokalyptiker geoutet habe. Im Februar 2015 schrieb ich zwei Weltuntergangs-Artikel innerhalb von drei Tagen. Es geht weiter. Aber, wie gesagt, nicht mehr allzu lange.

***

Erste Szene: Zwei Eisbären sitzen auf einer Eisscholle. Sie trinken Wasser on the Rocks. Sagt der eine: „Was meinst du, wie lange wird es noch Menschen geben auf der Erde?“ Darauf der andere: „Ich bleibe Optimist. Der Mensch, diese Ratte, wird das 21. Jahrhundert nicht überleben. Hat Martin Rees schon vor über zehn Jahren gesagt – eine gute Nachricht für alle Eisbären“. „Na ja“, sagt der andere, „es kommt darauf an, wie die Ratte sich verabschieden wird. Nach einer Verbrannte-Erde-Nummer wird’s ungemütlich für uns“.

Zweite Szene: Ein Klimaforscher und ein Bioinformatiker sitzen im Trump Tower. Sie trinken Trumpagner. Sagt der Klimaexperte: „Was meinst du, wie lange wird es noch Eisbären geben auf unserem (!) Planeten?“ Darauf der andere: „Also, der Roboter, den wir gerade entwickelt haben, sieht einem Eisbären schon zum Verwechseln ähnlich. Er kann stundenlang auf einer heißen Herdplatte tanzen, nur Fische will er nicht fressen“.

Dritte Szene: Weißes Haus, Oval Office. Trump und Putin trinken zusammen Wodka. Auf dem kleinen Tisch vor ihnen liegt ein geöffneter Koffer mit einer schwarzen Metallbox. Trump: „Was meinst du, wie lange wird es noch Chinesen geben auf der Erde?“ Darauf Putin: „Seit wann interessierst du dich für Minderheiten?“ Beide lachen. „Nein, jetzt mal im Ernst, Vladimir. Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“

***

In wenigen Tagen wird der Präsident der Vereinigten Staaten Donald heißen. Das ist keine Ente. Echt jetzt. Real Donald, nicht Donald Duck.

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Rückmeldung der Bundesbildungsministerin zu meinem offenen Brief vom 6.11.2016

Am 6. November habe ich einen offenen Brief an Frau Professor Wanka und Herrn Wollseifer, den Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, geschrieben. Auslöser war ein Artikel des Kölner Stadt-Anzeigers über eine Veranstaltung der Kölner Handwerkskammer, bei der Frau Wanka und Herr Wollseifer sich zu bildungspolitischen Themen geäußert hatten.

In meinem Brief schrieb ich, die Ministerin habe hierbei die zunehmende Akademisierung in Deutschland begrüßt. Dies aber hat sie so nicht gesagt, wie sie selbst mir am 21. Dezember telefonisch mitgeteilt hat.

Sie hat klargestellt, dass sie sich – ganz im Gegensatz zu der Formulierung im besagten Zeitungsartikel – seit vielen Jahren tatkräftig dafür einsetzt, dass die berufliche Bildung eine ebenso große Wertschätzung erfährt wie die akademische. Diese Klarstellung freut mich um so mehr, als ich – wie bereits in meinem offenen Brief erwähnt – in „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“ aus einem Interview mit Johanna Wanka zitiert habe (S. 212-213), in welchem genau diese Zielrichtung deutlich wird.

Wie schon Herr Wollseifer in seinem Antwortschreiben hat auch Frau Professor Wanka mich gebeten, ihr ein Exemplar meines neuen Buchs zu schicken – eine Bitte, der ich gern nachgekommen bin.

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Umkehr 2017

Gestern standen wir am Rande des Abgrunds, heute sind wir einen Schritt weiter.

Wir alle lachen, wenn wir diesen Satz hören. Wir halten die Sache für einen Witz. Denn das kann ja nicht ernst gemeint sein. Einen Schritt weiter … in den Abgrund.

Haben Sie einmal darüber nachgedacht, wie aus diesem vermeintlichen Witz plötzlich Ernst werden könnte? Nein, ich spreche nicht von kollektivem Selbstmord, wo man bewusst diesen einen Schritt tut, der auch der letzte ist … in den Abgrund.

Ich meine etwas anderes. Wir – eine Wandergruppe, eine Familie, ein Volk – haben den falschen Weg eingeschlagen und uns an den Rand einer Katastrophe gebracht. Natürlich hat es keinen Sinn, weiterzugehen. Aber für immer stehen bleiben, das ist unmöglich. Nein, irgendwann muss der nächste Schritt erfolgen … zurück.

Umkehren. Aus dem Chassidismus stammen die folgenden Sätze:

Die große Schuld des Menschen
sind nicht seine Sünden, die er begeht –
die Versuchung ist groß und seine Kraft ist klein.
Die große Schuld des Menschen ist,
daß er jederzeit umkehren kann
und es nicht tut.

Lassen Sie es uns tun. Im neuen Jahr. Umkehren. Die Richtung wechseln. Die Denkrichtung. In der Familie, im Beruf und in der Politik. Die alten Trampelpfade verlassen. Ich meine nicht Buße im religiösen Sinn, also Umkehr zu Gott. Eher das, was in der griechischen Bibelfassung statt „Buße“ steht:  Metanoia, zu deutsch: Sinnesänderung. Und das ist näher bei Sokrates und Buddha als bei Jesus von Nazareth.

Mir geht es im Wahljahr 2017 vor allem um die Bildungspolitik. Wir brauchen keine 16 Schulsysteme in Deutschland. Keine wertlosen Abiturzeugnisse. Kein Bildungssystem, in dem immer mehr junge Menschen den Boden unter den Füßen verlieren und abdriften in Gleichgültigkeit, Drogen, Suizid.

Wir müssen weg von diesem Irrweg – weg von Einbildung und Halbbildung. Was wir brauchen, ist echte Bildung. Bildung der Persönlichkeit. Herzensbildung. Das Ziel: ein gelingendes Leben – Selbstvertrauen, Achtsamkeit, Urteilskraft, Lebensfreude.

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Wenn Kinder im Unterricht auch lachen können

… fühlen sie sich wohl und lernen effektiver.

 

Das sagt Marie-Christine Ghanbari, die an einer Gesamtschule Deutsch, Sport und Mathematik unterrichtet – aus meiner Sicht die wichtigsten Fächer für jede deutsche Schule. Das habe ich so geschrieben und begründet in meinem letzten Buch, bei dem schon im Klappentext zu lesen ist:

  • Mehr Deutsch, Sport und Mathematik.

Frau Ghanbari hat irgendwann beschlossen, Lehrerin für das komplette Triple zu werden. Jetzt hat sie es beim Wettbewerb „Weltlehrerpreis“ unter die letzten 50 geschafft. Beworben hatten sich 20.000 Lehrer aus 179 Ländern.

In einem SPIEGEL-Interview erläutert sie ihre Art zu unterrichten. Sie unterstützt ihre Schülerinnen und Schüler Tag für Tag in dem schwierigen Prozess, eine Balance von Körper, Verstand und Seele zu finden. Es wird Basketball gespielt, um mathematische Probleme zu lösen. Im Deutschunterricht und in zahlreichen Projekten werden Teamgeist und demokratisches Handeln trainiert. Und es wird oft und viel gelacht.

Auf Klappentext-Kürze gebracht:

  • Mehr Achtsamkeit und Verlässlichkeit
  • Mehr Projekte, mehr Begeisterung.

Ich bin begeistert von Frau Ghanbaris Unterrichtsmethoden. Sie ist eine echte Projektphilosophin.

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Abitur? Kannste in die Tonne kloppen …

… meint der Deutsche Lehrerverband.

 

Anfang Dezember fand eine Besten-Ehrung der IHK Koblenz statt. Der Bitte, dort als Gastredner aufzutreten, habe ich gern entsprochen. Denn es wurden junge Leute ausgezeichnet, die den Königsweg gegangen sind. In meiner Rede stellte ich die Frage:

Wozu taugt überhaupt noch dieses gebenedeite, vermaledeite deutsche Abitur, wenn es keine Eintrittskarte für die Hochschule mehr ist? Sondern nur noch ein Blatt Papier, das demnächst 90 Prozent der Bevölkerung besitzen und das sie irgendwo auf dem Speicher verstauen können, in einem Karton mit der Aufschrift „Scherzartikel, Karneval“.

Eine Bestätigung für meinen Standpunkt gab es nun durch Josef Kraus, den Chef des Deutschen Lehrerverbandes. Er hat in einem Interview beklagt, dass sich allein in Berlin die Zahl der 1,0-Abiturzeugnisse innerhalb von zehn Jahren vervierzehnfacht (!) hat. Seine bemerkenswerte Forderung:

Anspruchsvollere Bundesländer sollten die Abiturzeugnisse
anspruchsloser Bundesländer nicht mehr anerkennen.

Ein Paukenschlag. Zeugnisse, sagt Kraus, dürfen „nicht zu ungedeckten Schecks werden“ (ZEIT, 12.12.2016). Die Frage ist, ob dieser Paukenschlag etwas an der deutschen Bildungsmisere ändern wird. Mein Vorschlag: Statt ungedeckte Schecks im Nachhinein nicht anzuerkennen, sollte man gar nicht erst erlauben, sie auszustellen.

Meine Kernforderung in „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“ lautet:

Zulassung zum Hochschulstudium nur mit Abitur/Fachabitur
und abgeschlossener betrieblicher Berufsausbildung.

Ich bin sicher: Sobald das Realität wird, ist Ruhe auf dem Schiff. Schluss mit dem ganzen Abitur-Hype. Stattdessen die Erkenntnis: Wichtiger als das Abitur ist der Berufsabschluss. Ohne den läuft gar nichts. Studium und Weiterbildung sind danach jederzeit möglich.

Abschließend noch ein weiterer kurzer Auszug aus meiner Rede bei der IHK Koblenz:

Die Sekte der Abitur-Anbeter hat es inzwischen geschafft, dass ihre abstruse Lehre zur Staatsreligion erhoben wurde. Diese neue Bildungs-Lehre, die man getrost mit einem Doppel-E schreiben kann, ist so erfolgreich wie eine Designer-Droge – Opium fürs Volk 4.0. (…) Eins steht fest, Abiturwahn ist so infektiös wie ein virales Kätzchen-Video, nur nicht so harmlos.

 

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Abiturwahn – oder warum der deutsche Einbildungsbürger Jan Fleischhauer ein Problem mit Martin Schulz hat

Martin Schulz, der möglicherweise im neuen Jahr Außenminister und Kanzlerkandidat der SPD sein wird, ist den Königsweg gegangen. In dem privaten katholischen Gymnasium, das er als Teenager besuchte, ließ man ihn nicht zur Abiturprüfung zu; und wer sich ein wenig mit Gymnasien dieser Kategorie auskennt, weiß: Das spricht nicht unbedingt gegen den Mann. Schulz absolvierte anschließend eine betriebliche Berufsausbildung im Buchhandel. Heute ist er Präsident des Europäischen Parlaments.

Jan Fleischhauer ist nicht Präsident, Intendant oder Firmenchef. Er ist Journalist. Er hat nie einen verantwortungsvollen Spitzenjob gemacht. Aber er hat Abitur. Deshalb bildet er sich ein, zu wissen, was man braucht, um erfolgreich einen Spitzenjob zu machen: Abitur. Und davon setzt er die Welt in Kenntnis. Hiermit schlage ich Herrn Fleischhauer als neuen Präsidenten eines noch zu gründenden Vereins deutscher Einbildungsbürger vor.

Was Leuten wie Fleischhauer fehlt, ist Bodenhaftung. Und die bekommst du nicht durch den Besuch eines Gymnasiums oder einer Uni. Auch nicht durch das Schreiben von Artikeln und Büchern. Bodenhaftung kannst du dir nur durch jahrelange Maloche in einem Betrieb erarbeiten.

Den Dünkel, die verschrobene und abiturfixierte Vorstellung von „Bildung“ findet man immer noch bei vielen Menschen. In der Zeit der 68er nannte man sie „elitäre Scheißer“.

Franz Josef Wagner formuliert es in der BILD auf seine Weise:

Was für eine Schwachsinns-Debatte. Wie viele Uni-Luschen fahren heute Taxi. Alle haben ihr Abitur bestanden, Soziologie studiert, Anglistik. Und jetzt pupsen sie in ihren Taxis, während sie die „taz“ lesen.

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Unsere Hochschulabsolventen werden immer infantiler – das Ergebnis einer Ifo-Befragung

Fazit: Abiturwahn und Nonstop-Schule sind Irrwege,
die Lösung lautet „Königsweg“ – Berufseinstieg vor dem Studium.

 

Infantilismus zeigt sich laut Wikipedia insbesondere

im Fehlen einer altersentsprechenden Selbstreflexion und (…)
in einer sozialen und/oder emotionalen Unreife.

Nehmen Sie nun noch folgende Komponenten hinzu:

  • Schwierigkeiten beim Lösen von Problemen
  • mangelhaftes Abstraktionsvermögen
  • Defizite bei der Selbständigkeit
  • unzureichende Allgemeinbildung.

Dann haben Sie eine ziemlich genaue Beschreibung der Persönlichkeit und der Kompetenz eines durchschnittlichen jungen Deutschen, der nach dem Bachelor- oder Master-Abschluss anfängt, in einem Betrieb zu arbeiten. Einzelheiten zu den Ergebnissen einer entsprechenden Befragung des Münchener Ifo-Instituts finden Sie in einem Artikel, der heute im SPIEGEL erschienen ist: Personalchefs sind unzufrieden mit Uni-Absolventen.

Wohlgemerkt, die Unzufriedenheit der Personalchefs bezieht sich auf die Berufseinsteiger, die in den vergangenen zehn Jahren „direkt von der Uni“ in die Betriebe gekommen sind. Es geht also nicht um Absolventen der „alten“ Studiengänge mit Abschluss „Diplom-Ingenieur“, „Diplom-Physiker“ etc.. Die traurige Pointe ist, dass die ganze Bologna-Reform mit ihren „neuen“ Bachelor- und Master-Abschlüssen unter anderem deshalb durchgezogen wurde, weil man hierdurch eine bessere „berufliche Eignung der jungen Akademiker“ erzielen wollte. Vereinfacht gesagt: Bologna ist gescheitert.

Und noch etwas: Wer „direkt von der Uni“ in einen Betrieb geht, der ist nicht den Königsweg gegangen. Er ist achtzehn, zwanzig und mehr Jahre lang nonstop beschult worden – von der Grundschule bis zum Master-Abschluss. Und das ist offensichtlich der ideale Nährboden für Infantilismus.

Was ich mir wünsche, ist eine Befragung von Personalchefs zu ihrer Einschätzung der Königsweg-Hochschulabsolventen, also der jungen Leute, die vor dem Studium eine betriebliche Berufsausbildung abgeschlossen und sich somit schon als Teenager handfeste Erfahrungen aus der Berufspraxis erarbeitet haben.

Und was heißt Erfahrung? Aldous Huxley sagt es uns:

Erfahrung ist nicht das, was einem zustößt.
Erfahrung ist das, was man aus dem macht, was einem zustößt.

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Jobangebot: Autor sucht Teilzeitkräfte

Haben Sie Interesse an Politik, Öffentlichkeitsarbeit und speziell am Thema Bildung? Können Sie sich ganz konkret eine Mitarbeit in meinem Projektteam „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“ vorstellen – im Bereich Recherche, Networking oder Akquisition von Vorträgen, Diskussionsrunden, Workshops? Dann sollten wir uns sehr bald einmal kennenlernen. Senden Sie Ihre Kurzbewerbung bitte per Mail an jobs@bmscheurer.de.

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Eine Antwort der Bundesbildungsministerin auf meinen offenen Brief vom 6.11.2016 …

… liegt bisher nicht vor. Erstaunlich, was eine Bundesbehörde mit vier Staatssekretären, sechs Leitungsstäben, acht Abteilungen und fünfzehn Unterabteilungen innerhalb von zwei Arbeitswochen zu leisten imstande ist.

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Antwort des Präsidenten des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks auf meinen offenen Brief vom 6. November 2016

Lieber Herr Scheurer,

vielen Dank für Ihr Bekenntnis zur Gleichwertigkeit der Bildung und zu der Erfordernis, der dualen beruflichen Bildung wieder bessere Chancen einzuräumen und sie in der Zukunft mehr in den Fokus zu rücken.

Besonders schön ist, daß auch Sie als Lehrer und Hochschuldozent dies so sehen. Man hat nämlich manchmal das Empfinden, gegen akademische Windmühlen ankämpfen zu müssen. Aber wie Sie sicher wissen, ist Handwerk lösungsorientiert und hat einen langen Atem. So wollen wir im kommenden Jahr den Durchbruch schaffen und in mehreren Bundesländern erste Pilotschulen einrichten, die das Berufsabitur anbieten .

Bitte schicken Sie mir ein Exemplar Ihres Buches “ Zu viel Schule “ ( mit Rechnung ) an meine Berliner ZDH-Adresse. Zwischen Weihnachten und Neujahr werde ich mir gerne die Zeit zur Lektüre nehmen.

Für heute noch einen schönen Sonntag,

Hans Peter Wollseifer
info@wo-bauservice.de
www . wo-bauservice . de
www.hanspeterwollseifer. de
Bauen  .  Sanieren  .  Gestalten

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Offener Brief an die Bundesbildungsministerin und den Präsidenten des Zentralverbands des Deutschen Handwerks

Bad Neuenahr, 6. November 2016

Liebe Frau Professor Wanka,
lieber Herr Wollseifer!

Vor ein paar Tagen haben Sie, Herr Wollseifer, laut Bericht des Kölner Stadtanzeigers beim „Politischen Forum“ der Kölner Handwerkskammer beklagt, das gesamte Bildungssystem sei zu sehr auf ein späteres Studium fokussiert. Ein Satz, den ich als Lehrer und Hochschuldozent sowie als Vater von vier Kindern voll unterstreichen kann.

Demgegenüber haben Sie, Frau Wanka, eine Lanze für die „zunehmende Akademisierung“ gebrochen. Aber, mit Verlaub, wir haben überhaupt keine zunehmende Akademisierung in Deutschland. Was wir erleben, ist eine Zunahme von Pseudo-Abitur und pseudo-akademischen Abschlüssen. Wenn heute 60% eines Jahrgangs ein Studium beginnen, davon jedoch gemäß Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung 75% nicht studierfähig sind, dann bleiben unter dem Strich nur 15% „echte“ Abiturienten. Ein geringerer Bevölkerungsanteil als vor fünfzig Jahren! Aus unserem Bildungssystem ist längst ein Einbildungs-System geworden. Unsere Abiturienten können keinen Nagel in die Wand schlagen, und simples Prozentrechnen und Rechtschreibung schaffen sie auch nicht. Sie haben Probleme mit der Welt und mit sich selbst.

Somit finde ich es fatal, wenn „Abitur für alle“, das lächerliche Motto der Neunzigerjahre, im Jahr 2016 noch den Segen der Bundesbildungsministerin erhält. Es betrübt mich umso mehr, als ich Sie, liebe Frau Wanka, noch vor kurzem als vorbildliche Bildungspolitikerin geschildert habe – in meinem kürzlich erschienenen Buch „Zu viel Schule, zu dumm fürs Leben“. Ich zitiere darin u. a. aus einem FOCUS-Interview (1.7.2013), wo Sie sich für mehr Persönlichkeitsentwicklung an unseren Schulen einsetzen.

Genau da sollten wir den Hebel ansetzen. Eine meiner Kernforderungen ist:

Zulassung zu einem Studium nur mit Hochschulreife
und (!) abgeschlossener betrieblicher Berufsausbildung.

Durch die Umsetzung dieser Forderung – im Grunde: das von Ihnen angestrebte „Berufsabitur“ als Pflicht – würde sich schlagartig die Lage ändern. Schüler und Eltern würden begreifen: Für ein gelingendes Leben ist das Lernen und Arbeiten in der Berufspraxis dringlicher und wichtiger als ein wissenschaftliches Studium. Die Folge: weniger Studienabbrecher, weniger Leerlauf, Burnout, Depression.

Ich weiß, die Mehrheit will so etwas im Augenblick nicht hören. Aber meine Thesen finden mehr und mehr Zuspruch. Und ich werde weiter dafür kämpfen, dass das Steuer herumgerissen wird, bevor sich – wie bei der „Flüchtlingskrise“ – diverse Populisten auf das brandgefährliche Thema Bildung stürzen.

Falls Sie Interesse an „Zu viel Schule“ haben, lasse ich Ihnen gern ein Exemplar zukommen. Es wird mir eine Ehre sein.

 

Herzliche Grüße aus dem Ahrtal

Bernhard M. Scheurer

Köhlerhofweg 32, 53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
E-Mail: bms@bmscheurer.de

P. S.: Einen ersten Eindruck von „Zu viel Schule“ erhält man im Internet auf www.zuvielschule.de und auf www.youtube.com/channel/UCH1HgPlysxLG7BIyHDOzDOw

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Mehr Demokratie wagen – Steinmeier gegen Lammert!

Volker Kauder, der Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, wird in einem SPIEGEL-Interview gefragt, warum die Union denn so mutlos sei;  statt bei der Bundespräsidentenwahl ein schwarz-grünes Signal zu setzen, suche man doch wieder einen „Konsenskandidaten“. Kauders Antwort:

Wir sind sehr mutig … dabei, eine gute Nachfolgerin oder Nachfolger für Joachim Gauck zu finden, die beziehungsweise der eine breite Zustimmung aller Demokraten erhält … diesmal geht es vielleicht mehr denn je darum, unserem Land und unserer Demokratie einen Dienst zu erweisen …

Das ist – mit Verlaub, Herr Kauder – nicht nur gendergerechtes Blabla, es sind äußerst verräterische Worte. Im Klartext bedeutet das: Wir, nämlich die seit elf Jahren in Berlin regierende CDUCSUSPDFDP sowie die grün-linken Blockparteien

  • sind sehr mutig (!)
  • sind „aufrechte Demokraten“ (O-Ton Kauder), und
  • „wir müssen uns gegen die Feinde der Demokratie wehren“ (diese Kauder-Sentenz ist der Titel des entsprechenden SPIEGEL-Artikels); deshalb
  • werden wir „unserer Demokratie einen Dienst erweisen“, indem wir den Gauck-Nachfolger hinter verschlossenen Türen ganz unter uns auskungeln statt ihn auf demokratische Weise wählen zu lassen;
  • alle anderen – nämlich die, die unsere Berliner Methoden nicht gut finden und womöglich öffentlich dagegen protestieren – sind feige Feinde der Demokratie.

Das SPIEGEL-Interview ist also äußerst aufschlussreich, jeder aufrechte Demokrat sollte es aufmerksam durcharbeiten. Allerdings hätte es eine bessere Überschrift verdient gehabt, beispielsweise:

Die Arroganz der Macht und das Zerbröseln unserer Demokratie.

Der lähmende Zustand einer Großen Koalition, den wir heute erleben, dauert – mit einer Unterbrechung von vier Jahren – inzwischen mehr als doppelt so lang wie die erste Große Koalition der Bundesrepublik (1966 bis 1969). Auch damals wuchs der Unmut in der Bevölkerung, und es kam zu Krawallen auf den Straßen.

Willy Brandt und Walter Scheel haben Ende der Sechzigerjahre aus diesen Erfahrungen gelernt. Sie gründeten die erste sozialliberale Koalition, der GroKo-Spuk war vorbei. Das Motto der neuen Brandt-Scheel-Regierung lautete:

Wir wollen mehr Demokratie wagen.

Wer bitte beschleunigt den Lernprozess von Volker Kauder & Co. und erklärt diesen Leuten, was das Wort „Demokratie“ bedeutet? Das achte GroKo-Jahr hat schon begonnen; weitere acht Jahre Mauscheln und Selbstbedienung im Supermarkt Berlin werden die „Feinde der Demokratie“ vermutlich nicht hinnehmen.

Was wir in Deutschland wieder brauchen, ist harte Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition, echter Wettstreit der Ideen und Personen statt Einheitsbrei und „Konsenskandidaten“. Wie wär’s mit: Steinmeier gegen Lammert bei der Wahl des nächsten Bundespräsidenten?

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Nahe Feinde

Du schreibst ein Buch. Es ist dein drittes. Während du an dem Manuskript arbeitest, wirst du immer wieder auf dein Projekt angesprochen. Was macht dein Buch? Wann wird es erscheinen?

Das Buch erscheint. Und dieselben Leute, die vorher Interesse und Anteilnahme demonstriert haben, stellen plötzlich ganz andere Fragen. Wieviel tausend Stück sind denn schon verkauft? Auf welcher Bestsellerliste finde ich dein Buch? Und, was noch schlimmer ist: dröhnendes Schweigen.

Du hast dreieinhalb Jahre an dem Buch gearbeitet, und sie haben keine dreieinhalb Minuten Zeit übrig, um sich mit deinem Text auseinanderzusetzen. Aber sie haben eine Meinung. Sie fällen ein Urteil.

Ein neues Buch ist für die Autorin oder den Autor wie ein Baby. Man stelle sich vor, eine Frau bekommt ihr drittes Kind. Das kleine Mädchen lernt gerade zu krabbeln, und die „Freundinnen“ der Mutter – die meisten sind kinderlos – erwähnen mit keinem Wort die wachen Augen der Kleinen. Oder die lustigen Laute, die sie von sich gibt. Sie haben das Kind – so wie seine beiden älteren Geschwister – überhaupt noch nicht gesehen. Aber sie stellen Fragen. Kann es schon laufen? An welchem Gymnasium wird es Abitur machen?

Jack Kornfield erklärt uns, womit wir es hier zu tun haben. Er nennt es „nahe Feinde“*):

  • Der nahe Feind des Gleichmuts ist Indifferenz oder Gefühllosigkeit.
  • Der nahe Feind des Mitgefühls ist das Mitleid.
  • Nahe Feinde der Mitfreude sind Eifersucht und Konkurrenzverhalten.

Ein Buch ist wie ein Baby. Und es ist ein Freundschafts-Lackmustest. Plötzlich erkennst du, wer auf deiner Seite ist. Wer sich für deine Projekte interessiert. Wer es gut mit dir meint, auch wenn er mit dir nicht immer einer Meinung ist.

 

*) Jack Kornfield: Erleuchtung finden in einer lauten Welt. Buddhas Botschaft für den Westen; Arkana, 2013

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Einfach sitzen

Während meines Sommerurlaubs stieß ich in einer Buchhandlung auf ein Büchlein von Thich Nhat Hanh: „Einfach sitzen“ (O. W. Barth, 2016).

522px-Thich_Nhat_Hanh_12_(cropped)Der Autor ist neben dem Dalai Lama einer der angesehensten buddhistischen Lehrer. Er hat in den Vereinigten Staaten studiert und gelehrt, und er hat sich seit dem Vietnamkrieg in den Sechzigerjahren weltweit für Frieden und Gewaltlosigkeit eingesetzt. Dabei ist er in seinem Herzen immer der schlichte Mönch aus Vietnam geblieben, der er schon mit sechzehn Jahren war.

In „Einfach sitzen“ gibt Thich Nhat Hanh uns in lockerer Folge Hinweise zu Achtsamkeitsübungen, die ebenso unkompliziert wie wirksam sind. Seine Kernthese: Du kannst jederzeit und überall die Balance von Körper, Geist und Seele finden, und zwar innerhalb von wenigen Sekunden – indem du dir dein Atmen bewusst machst. Nicht nur im Sitzen, auch in der Bewegung. Ich habe es gestern bei meinem Abendspaziergang ausprobiert. Es geht sehr gut. Und es tut gut.

Foto: Wikimedia

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